Wedding Diaries 11: How I said yes to my dress – der Kauf des Brautkleides

Der Kauf eines Brautkleides hat etwas Magisches. Ich glaube das liegt daran, dass man dabei komplett auf Herz und Bauch hören und den Kopf abschalten muss. Es ist wirklich so, wie sie erzählen: Kleid und Braut müssen sich finden. Und während dieses Prozesses habe ich viel über mich gelernt. Hier geht’s zu meinem persönlichen „Wow-Moment“.

Meine Knie zittern, als ich gemeinsam mit zwei Freundinnen auf dem Weg zum Hochzeitshaus in Karlsruhe bin. Dabei war ich vorbereitet: Wochenlang hatte ich Bilder gesammelt, Links gespeichert und mir überlegt wie das Brautkleid aussehen könnte. Und doch hatte ich keine Ahnung. Denn ich hatte noch nie ein langes Kleid an. Und hier beginnt das Spiel. Das Einzige, was ich sicher wusste, war: Ich wünsche mir ein langes Brautkleid, Farbe Ivory. (nicht reinweiß, sondern elfenbeinfarben)

Aber steht mir das überhaupt? In meinem Ausweis steht, dass ich 1,60 Meter groß bin. Und wenn ich ehrlich bin, dann sind es höchstens 1,59.

Würde ich ein Kleid finden, das bezahlbar ist, mir gefällt und mir auch noch gut steht? Es fühlt sich an, als wäre ich auf der Suche nach der perfekten Zahlenkombi für einen Lottogewinn. Und wir wissen ja alle, wie unwahrscheinlich es ist diese zu knacken.

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Mein Wunsch: Ein Kleid zum Tanzen, lieben, wohlfühlen. Hier trage ich es auf Gran Canaria – Bild: Aljosa Petric

Versuch 1 im Februar: Hochzeitshaus Karlsruhe

Das Hochzeitshaus in Karlsruhe ist riesig. Die Verkäuferin bringt uns zu unserer Umkleide und ich bin gleich erstmal enttäuscht: Uns wird kein Sekt angeboten. Bekommt man hier wohl nur, wenn man sein Kleid findet. Dann trinken wir halt Wasser und Kaffee. Um uns herum überall Kleider in verschiedenen Weiß-Tönen. Ein Mädchen-Wunderland aus Tüll. Am liebsten möchte ich sofort losrennen und alle Kleider anfassen. Das ist hier aber nicht erlaubt. Die Verkäuferin fragt mich nach meinen Wünschen und sucht daraufhin Kleider für mich heraus. Also erzähle ich ihr alles, was ich bis dahin weiß: „Ich suche ein schlichtes, langes Kleid. Keine Prinzessin. Kein Mermaid. Kein Godet. Kein Empire. Kein Glitzer. Kein Reifrock. Es soll nicht zu schwer sein. Und unser Budget liegt bei maximal 1.500 Euro.“ Allein über die verschiedenen Schnitte könnte man eine Klausur schreiben. Sehr kompliziert alles für jemanden, der mit langen Kleidern bisher nichts zu tun hatte. Aber die Verkäuferin spricht natürlich meine Sprache und bringt mir ein Kleid nach dem anderen in die Kabine. Sie hat meine Anweisungen genau befolgt und doch fühle ich mich in 80% der Kleider unwohl. Leider durfte man in diesem Laden keine Fotos machen, sonst könnte ich euch zeigen warum. Viele der langen, fließenden, leichten Kleider haben mich aussehen lassen, als wäre ich noch kleiner. Und wenn der Rock unten auf der Hüfte erst breiter wird, sieht es aus, als hätte ich kurze Stummelbeinchen. Und was ich vorher auch nicht wusste: Grobe Spitze steht mir gar nicht.

Schließlich bringt mir die Verkäuferin ein romantisches Prinzessinnenkleid mit Corsage. Der Tüllrock ist mit kleinen Punkten verziert und als Highlight binden wir einen Seidengürtel in altrosa um die Hüfte. Oh ja. Ich merke wie sich mein Körper von allein aufrichtet und ich anfangen muss zu lächeln. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl: In die Richtung könnte es gehen. Allerdings ist mir das Kleid vom Gewicht her zu schwer. Und der Stoff fühlt sich nicht besonders hochwertig an. Das ist es noch nicht. Aber meine Begleiterinnen und ich sind uns einig: in die Richtung könnte es gehen. Bye bye fließendes Kleid. Es wird wohl eher nichts Schlichtes. Erste Lektion gelernt: Fotos reichen nicht. Am Körper muss man es spüren.

Versuch 2 im April: Rena Sposa, Stuttgart

Mit dem Wissen der ersten Anprobe habe ich weiter recherchiert – nach Kleidern, die mir gefallen könnten. Einen Oooooh-Moment hatte ich, als ich im Netz eine Ballet-Brautkleid-Fotostrecke entdeckt habe mit einem romantischen Kleid mit Volant-Rock. Das ist es!! Ein leichtes Kleid mit einem mehrstufigen Rock. Wie früher, als ich Fee spielen wollte. Leicht und doch viel Stoff, romantisch verspielt. Ich finde Kleider, die mir in dieser Richtung gefallen könnten bei den Marken Watters und Enzoani. Deshalb vereinbare ich den nächsten Termin bei einem Brautladen in Stuttgart, der diese Marken führt. Diesmal ist nur meine Mama dabei. Auf dem Weg nach Stuttgart bitte ich sie darum, mich mit ihrer Meinung bestmöglich zu unterstützen. Nur einen Satz bitte ich sie sich zu verkneifen: „Willst du nicht doch ein kurzes Kleid anprobieren?“ Sie hatte mir vorher schon gesagt, dass sie sich nur schlecht ein langes Kleid an mir vorstellen kann. Aber das mit dem langen Kleid hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Das stand fest.

Im Rena Sposa darf man Fotos machen und Kleider selbst aussuchen. Gleich zwei Dinge, die mir viel besser gefallen. Auch, dass das Geschäft deutlich kleiner und familiärer ist, mag ich sehr. Ein großer Raum voller unterschiedlicher Traumkleider.

Gemeinsam suchen wir ca 6 Kleider aus und es geht los. Ein Kleid hat es mir besonders angetan, weil es den Kleidern ähnelt, die ich im Netz gefunden habe: Extravaganter Volant-Rock, Herzausschnitt, kurze Corsage, keine Träger, ultra romantisch. – Marke: Watters. Ich verschwinde mit der Verkäuferin hinter einem großen Vorhang, während es sich meine Mama auf der riesigen Couch davor gemütlich macht.

Meine Beraterin fragt mich mit welchem Kleid ich anfangen möchte und ich sage: „Mit dem von Watters – mit dem schönsten. Dann kann ich mir meinen Traum gleich abschminken, falls es mir nicht steht.“ Keine Ahnung warum das aus meinem Mund kommt. Irgendwie habe ich Angst: Dieses Kleid ist einfach zu schön für diese Welt. Es kann unmöglich gut an mir aussehen. Und doch ist da dieses kleine Fünkchen Hoffnung, dass es – falls es doch passen sollte – DAS Kleid sein könnte.

Ich hebe die Arme, die Beraterin wirft mit gekonnt das Kleid über, fixiert es hinten mit zwei Klammern an meinem Körper damit es passt und der Vorhang geht auf. Noch bevor meine Mama irgendwas sagen kann. Noch bevor ich mich im Spiegel sehe, habe ich ein unbekanntes Kribbeln im Bauch. „Wow,“ sagt meine Mama. „Dir stehen tatsächlich lange Kleider. Das bist genau du. Wie ich dich immer gekannt habe.“ Und endlich sehe ich es auch. Ein luftiger, langer Traum in Ivory. Durch den stufigen Volant-Rock wirke ich in diesem Kleid nicht zu klein – sondern genau richtig. Vergessen sind die Kleider, in denen ich daherkam. Meine Augen leuchten und ich kann nicht mehr aufhören zu grinsen. „Es passt ja doch,“ stammel ich. Und die Beraterin lacht: „Klar, das ist genau dein Schnitt.“ Und das ist es. Macht euch keine Gedanken über die Größe, die im Kleid steht oder darüber, was nicht gut aussieht. Es gibt Kleider für jede Figur. Man muss sie nur finden. Und das ist schwer genug.

Das Kleid liegt angenehm auf der Haut, ich tanze von rechts nach links durch den Raum und es fühlt sich einfach genau richtig an. Wir stoßen mit Sekt an und es geht weiter.

Aber nur ein Kleid anprobieren, wäre ja öde. Also ziehe ich auch noch ein paar andere Kleider an, die mich immer wieder bestätigen: Selena von Watters. DAS ist mein Kleid. In den anderen wirke ich mal klein, mal breit, mal sind sie mir einfach zu schlicht.

Und tadaaaa: Ich bin tatsächlich zur Prinzessin mutiert! Wir konnte das passieren? War ich das vielleicht insgeheim schon immer? Und wollte es nur nicht wahrhaben? Meine Mama würde jetzt sicher rufen: „Ja.“ Aber im Grunde tut es nichts zur Sache. Wichtig ist nur dieses einzigartige Gefühl im Herzen und im Bauch. Darauf gilt es zu hören.

Am Ende ziehen wir „Selena“ noch einmal an – zur Sicherheit – und schon grinse ich wieder mit mir selbst um die Wette. Nur eine Sorge habe ich: Könnte mir das Kleid auf Dauer zu schwer werden? Ich bitte die Schneiderin um Rat und sie zeigt mir, dass man ohne Probleme einige Lagen Stoff aus dem Kleid herausnehmen kann, ohne dass es seine Form verliert. Puh. Perfekt!

Aber einmal drüber schlafen – das muss drin sein. Außerdem haben wir am nächsten Tag noch einen Termin. Gleich danach will ich mich bei „Rena Sposa“ melden, damit sie mir das Kleid bestellen und anfertigen lassen.

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Kann man sehen, wenn eine Braut „ihr“ Kleid gefunden hat? Ich denke ja!
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Und zwar auf den ersten Blick… im Vergleich zu den anderen Kleidern

Versuch 3 im April: Jolie in Bruchsal

Das Jolie in Bruchsal ist ein echter Kitschtraum für Vintage-Bräute. Zu Beginn meiner Brautkleidsuche war ich sicher, hier etwas zu finden. Hier gibt es Kleider von Küss die Braut und Anna Cara. Viel Spitze und leichte Stoffe. Alles was das Boho-Herz begehrt. Nur bin ich zu diesem Zeitpunkt ja längst auf dem Prinzessinnendampfer unterwegs. Ob ich da noch etwas finden kann?

Im Geschäft fühl man sich, als wäre man in eine romantische „Dawanda-Welt“ eingetaucht. Schöne Altbau-Räume, nostalgisch eingerichtet. Die Möbel und die Bilder an der Wand sind allerdings nicht wirklich alt. Irgendwas ist unstimming. Eine Freundin und meine Mama sind dabei und letztere fällt ihr Urteil als Designerin schnell: Die Einrichtung geht ihrer Meinung nach gar nicht. Ganz so drastisch sehe ich es nicht, ist aber auch egal, denn wir wollen ja Kleider shoppen und nicht einziehen. Ein drittes Mal erzähle ich der Beraterin was ich suche. – Auch, dass ich inzwischen einen weiten Tüllrock wünsche. Und, dass das Kleid bitte nicht zu schlicht und fließend sein soll, weil mir das leider nicht steht.

Wir laufen durch den Raum mit Kleidern und es ist gar nicht so einfach: Lauter Kleider, die ich mir toll an anderen Frauen vorstellen kann. Aber nicht mehr an mir. Genau zwei Kleider schaffen es in die engere Auswahl. Ein paar andere ziehe ich an um zu sehen, ob es nicht doch etwas sein könnte. Aber nein. Könnte es nicht. Die zwei Prinzessinnenkleider durfte ich euch leider auch nicht fotografieren. Eins davon hätte mir dann doch noch fast mein Herz gestohlen. Wenn Selena da nicht schon einen festen Platz drin gehabt hätte. Hier hatte meine Beraterin aber auch nicht gut aufgepasst. Ich ziehe den Tülltraum in Champagner an und tanze in den Raum hinein. Und wir sind uns einig, dass es wirklich toll aussieht – sehr viel Tüll und dabei sehr hochwertig gearbeitet. Toller Stoff, genialer Schnitt. Und als ich die Beraterin frage, was es denn kostet, wird ihr blass um die Nase. Denn das Kleid sieht nicht nur hochwertig aus. Es ist auch noch von einem teuren Designer – Spose di Gio. Und soll eigentlich 4000 Euro kosten. Ich lache und denke mir: Wie praktisch, die Entscheidung ist gefallen. Auch wenn sie mir mit dem Preis noch etwas entgegenkommen wollen, merke ich, dass es das einfach nicht ist. Das Gefühl kommt einfach nicht an das heran, was ich am Tag zuvor in Stuttgart empfunden habe. Wir verlassen den Laden, ich zücke mein Handy und schaue mir das Bild von mir in „Selena“ noch einmal genau an und sage: „Das ist es. Und sonst nichts.“

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Nach der Entscheidung in „meinem“ Kleid: Die Volants sind und bleiben für mich das Highlight
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Details: Die Blumen am Rücken

Die Entscheidung und das Wiedersehen mit dem Kleid

Völlig glücklich rufe ich in Stuttgart an und verkünde meine Entscheidung für das Kleid „Selena“. Die Chefin am Telefon freut sich mit mir gemeinsam und verspricht das Kleid zu bestellen. Geschafft! Da ich mich innerhalb weniger Tage entschieden habe, bekomme ich Rabatt auf das Kleid und zahle am Ende ca 1100 Euro dafür. Hinzu kommen am Ende natürlich noch die Änderungen. Und die Accessoires. Dafür komme ich an einem späteren Termin wieder. Schuhe finde ich hier leider nicht. Aber eine kleine Tasche, die ich mir in unserer Hochzeitsfarbe Lagune einfärben lasse. Es ist ein tolles Gefühl wieder in dem Laden zu stehen: Mitten zwischen den vielen Kleidern, die mit Sicherheit andere Bräute glücklich machen werden. Manchmal träume ich ganz heimlich davon, nebenher auch Kleider zu verkaufen. Und die wahren Wünsche der Bräute zu verstehen. Ich quetsche die großartige Verkäuferin über ihren Job aus und sehe endlich das Kleid wieder. Beziehungsweise ich lerne MEIN Kleid kennen. Extra für mich gefertigt. Dazu darf ich alle Jäckchen, Boleros, Handschuhe und Haarteile anprobieren. Sogar einen Schleier probiere ich an, um mich dann – wie erwartet – dagegen zu entscheiden. Auch wenn manche Berater bei „Tüll und Tränen“ im Fernsehen behaupten: Ohne Schleier ist man keine echte Braut. Ich sehe das anders. Ich finde Schleier bei anderen manchmal schön. Aber ich persönlich hätte mich damit nur verkleidet gefühlt. Wieder so ein Shopping-Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ich habe mich in dem Laden wirklich top beraten gefühlt und die Verkäuferinnen haben mit mir gestrahlt. Es war als würde man mit Freunden shoppen gehen, die viel mehr Ahnung von Mode haben als man selbst. Und die einem dadurch unbezahlbare Tipps geben können – bis ihr euer Kleid gefunden habt.

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Damit das Kleid leichter wurde, haben wir einige Lagen Tüll entfernt.
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Das Änderungskonzept der Schneiderin: Alles wurde auseinander genommen.

Änderungen

Ein letzter Schritt fehlt noch, bis ich mit dem Kleid auf meiner eigenen Hochzeit tanzen kann. Es muss mir noch passen. Bestellt haben wir das Kleid im April. Ende Juli ist es endlich da. Ende August ist der Termin bei einer Schneiderin, die mit dem Hochzeitsgeschäft kooperiert. Im April hätte es sein können, das mir das Kleid am Ende eine Nummer kleiner passt. Aber genau weiß das keiner. Und ich wollte nicht am Ende vor der Hochzeit hungern müssen, um ins Kleid zu passen. Was für ein schrecklicher Gedanke! Also habe ich das Kleid größer bestellt und wusste: Da ist noch einiges dran zu nähen. Aber Brautkleider müssen zu 99 Prozent geändert werden. Fast niemand trägt Standardgröße.

Als ich im August endlich auf dem Weg nach Stuttgart für den Termin zum Abstecken bin, werde ich angerufen, weil meine Schneiderin einen medizinischen Notfall hat. Der Termin bei ihr kann nicht stattfinden. Da die Verkäuferinnen im Geschäft wissen, dass ich von weit her komme und bald heirate, helfen sie sofort. Sie setzen alle Hebel in Bewegung und besorgen mir einen Termin bei einer anderen Schneiderin ihres Vertrauens. Sie schiebt mich dazwischen. Ich habe nicht einmal Zeit mir Sorgen darüber zu machen. Völlig untypisch für mich, denke ich einfach: Das muss jetzt klappen. Zusammen mit meiner Mutter gehe ich in das Atelier von Johanna Beerwerth. Urig eingerichtet und verwinkelt. Man merkt, dass Frau Beerwerth viel zu tun hat. Trotzdem nimmt sie sich Zeit und nimmt mir meine Aufregung. Schnell ist klar: Das Kleid wird proportional gekürzt, damit der Stil der Volants nicht verloren geht. Außerdem wird es an allen Seiten aufgetrennt und genau auf mich angepasst. Damit ich es am Tag der Hochzeit ohne BH tragen kann und keine Angst haben muss, dass es rutscht. Ich bewundere diese Schneider-Arbeit wirklich sehr. Das Kleid wird an allen Seiten abgesteckt und sie gibt mir noch wertvolle Tipps zum Styling. Meine Angst verwandelt sich langsam in Vorfreude.

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Endlich in der passenden Größe und Länge

Wenige Tage später komme ich mein Kleid anprobieren. Wir haben extra mehr Zeit eingeplant, denn normalerweise gibt es eine zweite Anprobe und später den dritten Termin zur Abholung. Aber weil ich aus Karlsruhe nach Stuttgart komme, habe ich vorher darum gebeten, es am nächsten Termin abholen zu können. Die Auszubildende der Schneiderin hilft mir ins Kleid, erklärt mir wie ich es am Tag der Tage anziehe und wie ich allein auf die Toilette gehen kann. (Ich hatte vorher schon Angst, dass es nicht gehen würde.) Außerdem zeigt sie mir die Knöpfe, mit denen ich die Schleppe hochstecken kann. Frau Beerwerth begutachtet mich von allen Seiten und stellt fest, wo die Anpassungen noch optimiert werden müssen. Ich hätte es nicht gemerkt. Gut, dass sie vom Fach ist. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben. Daraufhin setzte ich mich ins Café an der Ecke, wo Raphael auf mich wartet und trinke einen Milchkaffee. Es passt genau: Als ich den letzten Schluck nehme, ruft die Schneiderin an und sagt, dass sie nun fertig ist.

Endlich kann ich mein Kleid mit nach Hause nehmen! Wir verpacken das Kleid in einen blickdichten Kleidersack und es fährt mit nach Karlsruhe. – Um auf seinen großen Auftritt zu warten. Dann erst wird Raphael es kennenlernen.

Showtime für das Kleid
Glück.

Real Love

Ich wusste vorher nicht, dass ich Liebe für ein Kleid empfinden kann. Aber es muss Liebe sein. Bis zur Hochzeit habe ich es immer wieder anschauen und bewundern müssen. Wollte seine Volants sortieren und mit dem Tüllrock kuscheln. Mit Schmetterlingen im Bauch und Herzchen in den Augen. Weil es mein Traumkleid ist.

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Das Kleid durfte auch in der Aachener Innenstadt posieren.

Tipps:

  • Vorab: Pinterest und Zeitschriften bieten endlose Möglichkeiten an Inspiration, was Brautkleider angeht. Es ist gut und wichtig sich vorher darüber Gedanken zu machen, wie das Traumkleid aussehen soll: Länge, Stoff, Schnitt. Dennoch sehen Kleider an einem selbst am Ende oft ganz anders aus. Gebt euch dem eigenen Erfahrungsprozess hin und bleibt offen. Hauptsache ist doch, dass ihr am Tag der Tage strahlt.
  • Fakt ist: Brautkleider sind aufwendig genäht, benötigen viel Stoff und sind daher logischerweise teuer. Überlegt euch vorher genau, wieviel ihr ausgeben wollt und was euch wichtig ist. Zum Beispiel: Wo wird das Kleid produziert, welche Stoffe werden verwendet…
  • Wenn ihr sparen wollt, sind gebrauchte Brautkleider eine gute Option: Deutlich günstiger, nur einmal getragen und wenn ihr es für euch kürzen lasst, ist so ein Kleid wie neu. Sowohl bei ebay Kleinanzeigen als auch in richtigen Second Hand Brautläden gibt es viel Auswahl. Nur bei der Größe muss man Glück haben.
  • Rabatte: Oft gibt es in Brautgeschäften Rabattaktionen, wenn neue Kollektionen kommen. Auch auf die Ausstellungsstücke bekommt man häufig Prozente. Außerdem kann man auf Hochzeitsmessen Kleider günstiger bekommen. In meinem Geschäft gab es außerdem Rabatt, wenn man sich schnell (innerhalb von 3 Tagen) für ein Kleid entscheidet.
  • Vereinbart eure Termine in den Brautgeschäften mindestens 5 Monate vor der Hochzeit, damit ihr Auswahl habt. Wenn ein Kleid in eurer Größe bestellt werden muss, dauert das oft 3-5 Monate. So war es auch bei mir.
  • Die Chemie mit den Brautberatern ist das A und O. Wenn ihr euch unwohl fühlt oder den Eindruck habt, der Berater versteht nicht, was ihr euch wünscht, dann ist es einfach nicht das richtige Geschäft für euch. Fühlt euch nicht unter Druck gesetzt. Es geht um euren großen Tag.
  • Überlegt euch genau, wer zur Anprobe mitkommen darf. Die Meinung von Vertrauten ist wichtig, aber viele Meinungen können einen verwirren. Und das Bauchgefühl trüben. Ich persönlich würde maximal drei Personen mitnehmen zum Brautkleid-Kauf. Denkt immer daran: Das soll EUER Kleid werden und nicht das der besten Freundin, Trauzeugin oder Mama. Jeder hat einen eigenen Geschmack und wenn ihr in eurem Kleid erstrahlt, weil es das richtige ist, dann werden das alle bemerken. Versprochen.

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Bilder: Martin Permantier, Tomek Wozniakowski, Aljosa Petric, Babette Permantier, Raphael Pi Permantier

Wedding Diaries 8 – Endspurt und Panik: Was soll schon schiefgehen?

Der September hat angefangen und damit unser großer Monat. Der Countdown läuft, es ist Zeit die letzten Dinge zu erledigen: Sitzordnung, Walzer lernen, Outfits fertigstellen, Deko organisieren, hoffen, dass das Wetter mitmacht… und und und. Die Zeit rennt. Und die Gedankengänge in meinem Kopf schlagen Purzelbäume. Hier gibt’s die ganze Wahrheit über den schön-schaurigen Wahnsinn in diesen Tagen.

Ich wollt doch noch. Hab ich eigentlich schon? Und was ist eigentlich mit? Und wer macht eigentlich? Schaffen wir das alles? Und was, wenn das Kleid nicht mehr passt? Was wenn ich hinfalle? Was wenn Leute nicht kommen, ohne abzusagen?

Kein Scheiß. So geht das seit Wochen in meinem Kopf ab und seit der September begonnen hat, ist es noch ein bisschen schlimmer geworden. Auch wenn wir uns diverse Ratgeber durchgelesen haben und ich sämtliche Brautmagazine in diesem Jahr gekauft und durchgearbeitet habe: Es hört nicht auf. Die Aufregung bleibt. Irgendwie auch logisch: Immerhin hat keiner von uns Eventmanagement studiert noch haben wir je so ein Großevent organisiert. Und auch, wenn ich unfassbar viel Spaß an der Planung der Hochzeit habe. Die Angst gehört auch hier einfach dazu. Sie wird immer da sein, wenn ich meine Komfortzone verlasse und etwas neues ausprobiere oder kennenlerne. Seit ich das über mich gelernt habe, ist vieles einfacher. Ich muss die Angst nicht mehr kleinreden, ich kann mit ihr umgehen. Damit sie mich nicht lähmt.

Einatmen. Ausatmen. Hier hilft nur noch ein Realitätscheck.

Was wäre wenn?

Nehmen wir uns die Szenarios vor: Es kann vieles schief gehen. Ist so.

Was wenn es den ganzen Tag nur regnet und mein Kleid schon zu Beginn des Termins beim Standesamt klatschnass ist? Und wenn der Sektempfang ins Wasser fällt?

Was wenn die Torte nicht geliefert wird?

Oder wenn das Buffet nicht schmeckt? Oder der Wein?

Was wenn der DJ nicht kommt. Oder fast schlimmer: Was wenn er Schlager auflegt?

Was wenn wir uns beim Hochzeitstanz auf die Füße treten – obwohl wir extra zwei Privatstunden genommen haben?

Was wenn am Ende um 1 Uhr morgens keiner mehr tanzen will und die Party vorbei ist?

Und was wenn Tische leer stehen bleiben, weil Menschen spontan nicht kommen?

Ok, ich merke es selbst: Vieles davon ist unwahrscheinlich und mit einigen Dingen heisst es dann am Tag der Tage einfach: Deal with it. Tanz im Regen. Tanz weiter, schieb die Tische zur Seite und lach dem Tag ins Gesicht.

Denn das schlimmste wäre doch: Was wenn Raphael und ich am 22.09.2017 keinen Spaß an unserer eigenen Feier hätten? Oder Kopfschmerzen vor zu viel Stress in den Tagen davor?

Nein. Das geht gar nicht. Und ich werde alles dafür tun, dass es nicht soweit kommt.

Ich muss damit klarkommen, dass wir noch so viel planen können und am Ende doch alles anders wird. Alles wird gut. Aber auf seine ganz eigene Art und Weise. Und wenn wir jetzt schon genau wüssten, wie es uns in einer Woche am Tag nach der Party geht, dann wäre das ziemlich langweilig, oder?

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Gedankensamba

So sieht das im Moment in meinem Kopf aus. Es ist aufregend. Es ist unbekannt. Es ist neu. Es brennt und es wärmt.

Aber am Ende ist leicht zusammengefasst, was ich mir für uns und die Gäste wirklich von unserem Hochzeitstag wünsche. Und dabei geht es nicht mehr um Tanzschritte oder Essen. Und auch nicht um Regen.

Ich wünsche mir, dass unsere Familien danach keine Fremden mehr sind.

Dass wir gemeinsam lachen.

Und am Abend: Schmerzende Füße von stundenlangem Tanzen.

Ich wünsche uns einen Regen aus Seifenblasen.

Gänsehaut im Herzen.

Und Spontanität und Großherzigkeit.

Ich wünsche uns Schmetterlinge im Bauch.

Liebe, die uns zu Kopf steigt.

Und Freudentränen.

Ich wünsche uns einen unvergesslichen Tag, der unser Herz mit zauberhaften Erinnerungen füllt.

Tipp:

Den gibt’s überall. Aber er ist wirklich immer brauchbar! Bindet viele Leute ein. Holt euch Hilfe! So konnte ich mich zumindest immer darauf besinnen, sobald Stress aufkam: Wir sind nicht allein! Viele Verwandte helfen uns. Alles wird gut.

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Neue Impulse beim Reisen: Wie Gespräche das eigene Leben bereichern

Und wo übernachtet ihr, wenn ihr auf Reisen seid? – Hotel? Appartment?“ – „Am liebsten bei anderen“, antworte ich darauf meistens. Denn so sind wir auf Reisen immer im Austausch – von ganz allein. Und das ist für mich unfassbar wertvoll.

Ich habe festgestellt: Im Alltag umgibt man sich immer mit den gleichen Leuten, geht ähnliche Wege und dadurch dreht sich vieles im Kreis. Auf Reisen, im Kontakt mit anderen Menschen ergibt sich von ganz alleine die Chance neue Perspektiven auf unser Leben zu bekommen. – Oder andere Denkansätze. Und das einfach nur, weil ein Gespräch entsteht und aus diesem Gespräch gibt es am Ende einen Satz. Und der bleibt für immer. Der verändert vielleicht sogar etwas – für immer.

Und manchmal liegt es einfach daran, dass Urlaub ist und da nehme ich mir mehr Zeit zuzuhören und gelernte Muster in Frage zu stellen. Und dabei müssen es gar nicht immer die tiefgründigen Gedanken sein. Manchmal reicht es, wenn einem ein Fremder seine Wahrheit und Weltsicht vor den Latz knallt – und schon schwimmen die Gedanken in eine neue Richtung. Hier habe ich ein paar Beispiele für euch, von Menschen, die meine Gedankenwelt durch ihre kleinen Sätze verändert und bereichert haben.

Unser Surfmobil in Kalifornien mit den Boards von Carlos Santana

You have to commit to the wave“ – Carlos Santana, Huntington Beach, Kalifornien

Huntington Beach ist einer der Orte in Kalifornien, wo viele Schüler noch morgens vor der Schule Surfunterricht bekommen. Surfen, Entwicklung und Wellenreiten – das gehört hier einfach dazu. Wir haben bei Christine und Carlos Santana gewohnt, ein sehr außergewöhnliches Pärchen. Sie ist gelernte Opernsängerin, die inzwischen ihr Geld verdient, indem sie Möbel im Dawanda-Style upcyclet. In ihrer Garage stehen abgebeizte Tische, die sie zum Beispiel mit Silberfolie verziert. Sehr… originell! Carlos ist Unternehmer, verkauft Autos und er ist leidenschaftlicher Surfer. (Ja, er heisst wirklich Carlos Santana, ist mit besagtem aber weder verwandt noch verschwägert). Gleich zu Beginn unseres Besuchs hat Carlos uns seine Surfboards ausgeliehen, uns gesagt wohin wir am besten fahren und um wieviel Uhr. Diese Boards haben wir in unseren Mietwagen gepackt und los.

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Die Gespräche mit ihm waren lang und ausgiebig. Er ist eine dieser schillernden Persönlichkeiten, die man unbedingt öfter um sich herum haben will, weil sie einem ein gutes Gefühl geben und neue Ideen. Von ihm kam der Satz, den ich mir JEDES Mal beim Surfen wieder ins Gedächtnis rufe. Als er uns eines morgens eine Trocken-Surfstunde auf dem Boden gegeben hat, sagte Carlos auf einmal: Wenn du es nur halb willst, dann kannst du es auch lassen. Du wirst die Welle nicht bekommen, sie wird dich umschmeissen. Um eine Chance zu haben, dass es klappt gibt’s nur einen Weg: „You always have to commit to the wave.“ Es liegt auf der Hand, es ist so logisch. Und doch erklärt es mir so viele Surftage, an denen ich Weißwasser (Schaum gebrochener Wellen) gefressen hab und mich gefragt hab, warum es gerade nicht läuft. Es lag meistens an mir und meinem Einsatz und Willen. Danke Carlos für diesen Satz.

Bigger board more fun“ – Andy, Bali

Auf Bali hatten wir einen Surfguide, der war die personifizierte Grumpy Cat. Andy lebt mitten im Paradies, hat aber leider trotzdem meistens miese Laune. Außerdem war er insgesamt kein besonders guter Surflehrer. Selten hat er es geschafft einen zu motivieren, eine etwas größere Welle anzupaddeln. Ich hatte immer den Eindruck er hat keinen Bock auf uns und seinen Job. Nach der Session fiel ihm immer ein Satz ein, mit dem er uns einen reinwürgen konnte, wenn er einem gesagt hat: „Wenn du davor schon Angst hast, wie willst du jemals besser werden? Eigentlich hatte ich mir vorgenommen hinterher keinen müden Gedanken mehr an grumpy Andy zu verschwenden. 

Die Boards auf Bali

Aber dann kam der eine Tag, als er meinen Surfboardstolz durch einen Satz für immer verändert hat. Es gab kleine Wellen, eigentlich perfekt zum Üben – vor allem mit einem großen, langen Surfboard. Aber ich hab mich aus Stolz mit einem kleineren Board abgekämpft und die Wellen nicht bekommen. Sie wollten mich einfach nicht mitnehmen. Es lag natürlich auch an meiner fehlenden Kraft. (Ich gehe zwar ins Fitness-Studio und trainiere gezielt die Arme, dennoch surfe ich einfach zu selten) Nach der Session sagte Andy dann (etwas schnippisch): „Well, bigger board more fun.“ Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich später noch an Irgendwas von ihm erinnern würde, aber dieser Satz hat sich eingebrannt. Einen Tag später habe ich mir am Strand einfach ein großes Board geliehen und es hat einfach gewuppt. Auf einer Welle nach der anderen bin ich Richtung Strand gesurft und es war einfach großartig. Natürlich ist das keine große Philosophie. Und doch hat es etwas bei mir verändert. Wenn ich am Strand bin, möchte ich möglichst viel Spaß haben. Und das klappt bei mir – bisher – mit großem Board besser. Und daher bin ich froh, Andy getroffen zu haben.

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It´s always fun if you proceed.“ Ste`en aus Raglan, Neuseeland

Ste`en – was für ein außergewöhnlicher Typ! Der hat verstanden, dass es im Leben nicht um die große Karriere geht. Er lebt im verschlafenen Surferort Raglan in Neuseeland, arbeitet nebenher für ein Snowboardmagazin und er surft sooft er kann. Hauptberuflich kümmert er sich allerdings um sein Haus, hält es instand und vermietet ein kleines Apartment daraus an Reisende. Da sind auch wir gelandet und hatten die Chance ihn kennenzulernen. Ste´en verkörpert für mich den perfekten Surferlebensstil, wie er sich in der Realität leben lässt. Er läuft zum Beispiel 20 Minuten mit dem Board über Klippen, um an die eine geheime Stelle zu gelangen, wo die Wellen besonders schön brechen. Mit dem Snowboarden hat er vorerst aufgehört, weil er dort nicht mehr weitergekommen ist – er hat sich nicht mehr entwickelt, sagt er selbst. Und dadurch vorerst die Motivation dafür verloren. In diesem Zusammenhang fiel auch sein Satz: Es macht immer so lange Spaß, wie du dich entwickelst, wie du einen Prozess spürst, besser wirst oder eine innere Weiterentwicklung bemerkst: „It´s always fun if you proceed.“

Entwicklung im Surfkurs: Glücksmoment

Wie recht er hatte. Das sage ich mir immer wieder. Jedes Mal, wenn ich am Anfang eines Surfurlaubs wieder das Gefühl habe, eine neue Sportart zu erlernen. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich nichts mehr kann, weil die letzte Welle viel zu lange her ist. Eigentlich ist es gar nicht schlecht, dass surfen eine so große Herausforderung ist. So bleibt sie mir immer erhalten – es bleibt für immer einzigartig, neu und aufregend – genauso wie die Wellen. Unberechenbar – und plötzlich, wenn man gar nicht mehr damit rechnet, wächst man über sich hinaus und steht eine – für die eigenen Verhältnisse – besonders große Welle.

Solche Sätze sammeln ist inzwischen meine kleine Passion. Ich schreibe sie auf, damit sie nicht plötzlich verpuffen und freue mich schon auf die nächsten Reisen. Und die nächsten Impulse.

Habt ihr von euren Reisen auch schon inspirierende Sätze mitgebracht? Sätze, die euer Leben oder eure Sichtweise verändert haben? Schreibt sie mir gern in die Kommentare!

Wellenzauber in Neuseeland

Fotos: Raphael Timm & Athene Pi Permantier

Wedding Diaries 4: Eine Hochzeitstorte bitte – aber ohne Fondant

Die Wahl der Hochzeitstorte ist kompliziert und mächtig. Aber das geht vorbei sobald man sich eingesteht, aufs Herz und den eigenen Geschmack zu hören – und nicht auf die Bilder in amerikanischen Hochzeitsfilmen. Es geht schließlich um eine Torte – und keine Skulptur.

Ich sitze an einem großen runden Tisch. Immer wieder kommt eine mütterliche Konditorin rein und stellt mir ein neues Tellerchen mit Häppchen von einem anderen Kuchen vor die Nase. Die Aufforderung ist klar: „Bitte probieren, bitte probieren.“ Natürlich schmecken alle Füllungen fantastisch und hinterher weiß ich noch immer nicht, welche Torte ich haben möchte. So lief das ab. In meinem Traum.

In echt leider nicht. Ich gebe zu, ich bin kein großer Tortenfan. Mit Marzipan, Sahnecreme oder Fondant kann man mich jagen. Und Raphael geht es da ähnlich. Uns findet man nicht in der Konditorei an der Ecke am Wochenende. Wir essen lieber Eis. Oder salzig. Aber eine Hochzeitstorte gehört ja irgendwie schon dazu, fanden auch wir. Kurz haben wir überlegt, ob es eine Torte aus Käse sein soll. Oder aus Sushi. Möglich ist das alles, hat es schließlich auch alles schon gegeben. Aber so ein mehrstöckiges Kuchendings, das das Brautpaar gemeinsam anschneidet, wollten wir dann doch haben. In süß. Aber bitte ohne Sahne und nicht zu süß. Uns war also schnell klar, dass wir uns nicht einfach für eine Torte in der Auslage entscheiden können, ohne sie probiert zu haben. Also rufe ich in der Konditorei „Lammerskötter“ in Aachen Burtscheid an und vereinbare einen Termin. Das ist immerhin eine Traditionskonditorei und ein Familienbetrieb mit gutem Ruf. Da muss es doch etwas Passendes für uns geben. Wir hoffen sehr auf diesen Termin, überlegen dann aber noch „inkognito“ in anderen Konditoreien ein paar Stücke Torte zu probieren, um uns ein besseres Bild zu verschaffen.

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Auf der Suche nach Torte in der Aachener Altstadt

Die heimliche Probe

An einem sonnigen Tag flanieren wir also durch die Altstadt von Aachen und setzen uns als erstes ins Café zum Mohren. Auch mich Nicht-Torten-Fan lachen hier viele süße Stücke an: Eistorten, Obst-, Schoko-Torten und die Baiser-Torten sehen ausgezeichnet aus. Wir entscheiden uns für ein Stück fruchtige Eistorte und Lemon-Baiser. Bei der Eistorte dachte ich: Ok! Lecker – aber keine Hochzeitstorte für mich. Es fehlte der gewisse Kick.

Wir haben uns fast ein bisschen geschämt, dass wir Lemon-Baiser ausgewählt hatten, obwohl wir eigentlich auf der Suche einer Hochzeitstorte waren. Denn die seltenen 0815 Besuche in einer Konditorei laufen bei uns immer so ab:

Was willst du?“

Hmmmmm. Weiß nicht. Sieht mir alles zu sahnig-süß aus. Haben die was mit Zitronencreme und Baiser?“

Ja, schau da!“

Ah geil. Nehm ich.“

Ok ich auch.“

Echt? Beide das gleiche?“

Ja. Ist das einzige, was mich anlacht.“

Na gut.“

So läuft das tatsächlich jedes Mal ab. Daher kennen wir uns mit Lemon-Tartes auch ganz gut aus. Geschmacklich zumindest. Als wir die erste Gabel dieser Lemon-Baiser-Torte probieren, schauen wir uns ungläubig an. Kann es sein, dass diese Torte 100 Mal genialer schmeckt, als all jene, die wir bisher von Chile über Neuseeland bis Deutschland probiert haben? Ja, es kann. Und ja, es ist so. Diese Lemon-Baiser-Torte ist der absolute geschmackliche Wahnsinn. Locker-leicht und fast tänzerisch verziert das Baiser die Torte oben drauf. Unten drunter leichte schichten Zitronencreme und Teig, die sich aneinanderschmiegen als wüssten sie, wie gut sie harmonieren und zusammenpassen. Ich fühle mich wie auf einem Kuchentrip. Noch nie war ich so happy nach einem Stück Torte. Ich war immer die, die auf Omas Geburtstag gesagt hat: „Für mich bitte nur ein halbes Stück! Oder ein ganz schmales!“ Für die Torten-Fans dieser Welt sicher unvorstellbar, aber wahr. Und ich fange schon an zu bezweifeln, dass wir noch was leckereres finden können. Aber ist eine Lemon-Baiser-Torte nicht etwas unpassend für eine Hochzeit? Stapeln kann man sie ja schonmal nicht.

Lemon-Baiser: Das wird unsere Hochzeitstorte

Danach steht bei uns das Café Middelberg auf dem Programm: Hier trifft Caféhaus auf Tradition – und das gleich neben dem Marktplatz. In Aachen ist es wirklich überraschend, wieviele Menschen unter der Woche mittags im Café sitzen und Kuchen genießen. Das scheint hier ein großer Markt zu sein. Wir gesellen uns dazu. Mir fällt es allerdings schon in der Auslage schwer einen Kuchen zu finden, den ich überhaupt probieren möchte: Überall Marzipan, Buttercreme und Schokolade. Jedes Stück wirkt übermächtig deftig süß. Wir bestellen trotzdem zwei Stücke mit unterschiedlichen Füllungen: Einmal Käse- Sahnetorte und einmal Himbeercreme. Nach zwei Bissen steht für mich fest: Hier bestellen wir keine Torte. Gegen den Geschmack an sich kann ich nichts sagen – außer dass ich einfach kein Fan bin von zu viel süßer Creme in einer Torte. Kurz überlege ich, ob andere vielleicht genau das von einer Hochzeits-Torte erwarten. Aber selbst wenn. So what. Das können sie auf ihrer eigenen Hochzeit gerne anbieten, wenn sie mögen. Überzuckert verlassen wir das Café. In dem Moment bin ich froh, dass wir hier keinen Termin vereinbart hatten.

Die Auswahl im Café Middelberg, Aachen

Der Termin bei „Lammerskötter“

Die letzte Konditorei auf unserer Liste ist in meiner Heimat Burtscheid – ein kleines Familienunternehmen mit gutem Ruf in der Region und einer ausgezeichneten Homepage. Davon können die anderen nur träumen. Die Chefin – eine echte Lammerskötter – begrüßt uns freundlich im Konditoreiladen. Allerdings bleiben wir auch genau da während der gesamten Beratung stehen. Sie holt ihr iPad und zeigt uns die verschiedenen Optionen, die wir auch schon vorher auf der Internetseite gesehen haben. Auf die Frage, welche Sorten wir denn jetzt mal probieren können, wird klar: Keine. Also Torten gibt es schon, aber keine einzige Füllung der typischen Hochzeitstorten ist gerade vorrätig da. Das ist natürlich schade, weil wir extra aus Karlsruhe angereist waren – auch um diese Torten zu probieren und eine Entscheidung zu treffen. Auch hier gibt es eine Torte mit Zitronencreme und Baiser, die auf der Homepage ausgezeichnet aussieht. Außerdem haben sie wunderschöne Naked-Cakes im Angebot. Aber ohne sie zu probieren, würde ich keine mehrstöckige Hochzeitstorte bestellen.

 

Wir nehmen das, was zu uns passt: Lemon-Baiser

Hinterher waren wir etwas geknickt: Wir wurden zwar super nett beraten, aber ich hatte es mir einfach anders vorgestellt. Als wir abwägen, ob wir noch einen neuen Termin vereinbaren, gehen wir auch nochmal alle Torten durch, die wir gegessen haben und stellen fest: Eigentlich haben wir längst einen Favoriten. Wir rufen in der Konditorei des „Café zum Mohren“ an und fragen, ob sie die Lemon-Baiser-Torte für uns als mehrstöckige Hochzeits-Torte herstellen würden. Und ja, sie wollen und würden! Natürlich würde diese Torte nicht direkt übereinander gestapelt. Das ist bei Baiser wohl nicht so einfach möglich. Sie würden sie uns aber auf einer Etagère servieren und damit unseren Geschmackstraum wahr werden lassen.

Ich bin begeistert und tanze durch die Küche. Klar: Eigentlich hätte ich mir schon vorher denken können, dass es keine klassische Torte bei uns wird. Aber jetzt bin ich mir sicher. Und es fühlt sich einfach fantastisch und richtig an. Warum nicht einfach das bestellen, was zu uns passt? Auf der ganzen Welt haben wir die Zitronen-Tartes schon probiert. Hier schließt sich der Kreis. Während ich das hier schreibe, bekomme ich Hunger. Das wird toll!

Wir werden unsere Hochzeits-Torte übrigens nicht am Nachmittag servieren und auch nicht an Mitternacht. Wir servieren sie einfach als Nachtisch, damit hinterher nichts die Party unterbricht. „Zucker und Sitzen“ am späten Abend kann nämlich zum Partykiller Nr. 1 werden, schreibt Hochzeits-Dj Thomas Sünder. Und das glaube ich sofort.

Jetzt hoffen wir, dass unsere Gäste diese Torte ebenso gern wie wir essen werden. Wenn nicht, esse ich sie eben drei Tage lang. Kein Problem.

Facts:

  • Testet auf jeden Fall den Geschmack verschiedener Torten und fragt bei den Konditoreien, ob die extra Probier-Termine anbieten (Wir konnten bei unserem Termin leider nicht eine Füllung probieren.)
  • Auch salzige Alternativen, wie ein Käseturm anstelle einer Hochzeitstorte kann überzeugen. Nehmt nur das, was euch schmeckt.
  • Ein Stück Torte hat in und um Aachen immer ca 4 Euro gekostet. Je nachdem wieviele Stücke man braucht, kann man sich leicht ausrechnen, warum eine Hochzeitstorte schnell 500 Euro kostet
  • Uhrzeit: Zu welcher Zeit wollt ihr die Torte servieren? Nachmittags oder als Dessert? Warum die Mitternachtstorte nicht die beste Option ist, kann man sehr unterhaltsam im Hochzeits-Bestseller von Thomas Sünder nachlesen: Er beschreibt anschaulich, wie die Mitternachtstorte die Party-Stimmung unterbricht, die danach oft nur noch schleppend in Gang kommt. Das Buch heißt: „Wer Ja sagt, darf auch Tante Inge ausladen.“ Dieses Buch kann ich generell nur jedem ans Herz legen.

Fotos: Raphael Timm & Athene Pi Permantier

Wedding Diaries 3: Der Tanz mit den Behörden

Wir sagen „Ja“ zueinander – vor unseren Freunden und Verwandten und hinterher ein rauschendes Fest. Ich gebe zu, ich habe es mir deutlich einfacher vorgestellt den Papierkram beim Standesamt zu erledigen. Nach dem ersten Anruf beim Standesamt dachte ich echt: Das schaffen wir nie. Aber lest selbst.

Antrag an Heiligabend, Location-Suche zwischen den Jahren und der Versuch alle Papiere möglichst schnell zusammenzubekommen. Die Feiertage rund um Weihnachten haben mich und meine Nerven stark herausgefordert. Ich dachte bei mir: „Geh ich halt kurz ins Internet auf die Seiten des Standesamtes und finde heraus, welche Unterlagen wir so brauchen“. Tja. Und dann steht da sinngemäß: Wer im Ausland geboren ist, findet hier keine Infos und muss erst einmal bei uns vorsprechen. Ganz schön lange können Feiertage dauern, wenn man darauf wartet, jemanden im Amt zu erreichen. Als es endlich soweit ist, haben wir eine Dame am Telefon, die uns erklärt, dass sie keine Beratung am Telefon macht. Der nächste freie Termin sei in 5 Wochen.

Ich war – mal wieder – kurz vorm Ausrasten. Ungerecht. Da will man nur seine Hochzeit planen und alle stehen einem im Weg mit ihren Regeln und ihrer Bürokratie. Klar, auch 5 Wochen gehen zugegebenermaßen irgendwann vorbei. Aber in der Zeit bis dahin konnten wir uns um nichts kümmern. Und all das, weil man in einem anderen Land – in meinem Fall in Chile – geboren worden ist. Wenn beide Partner deutsche Staatsbürger sind, nicht im Ausland geboren wurden und noch nicht verheiratet waren, ist es deutlich einfacher. Die Facts dazu habe ich euch unten zusammengefasst. Im Wesentlichen sind es die folgenden Schritte, bis man in Deutschland heiraten kann: Frühestens sechs Monate vor dem Hochzeitstermin kann man die sogenannte „Anmeldung zur Eheschließung“ im Standesamt vornehmen lassen. Ab dem Termin hat man dann sechs Monate Zeit auch wirklich zu heiraten. Wenn man einfach in einem normalen Trauzimmer unter der Woche heiraten möchte, ist das normalerweise auch kein Problem. Wer etwas Spezielles möchte oder an einem besonderen Ort heiraten will, muss den natürlich länger im Voraus reservieren. Ihr seht: Hier ist viel Orga nötig und wie so oft ist der, der genau weiß was er will, klar im Vorteil.

Der „Weiße Saal“ im Aachener Rathaus

Wunschort: Der Weiße Saal im Aachener Rathaus

Nachdem wir uns dazu entschieden haben auf Gut Hebscheid zu feiern, wollten wir auch standesamtlich in Aachen heiraten – und zwar an einem besonders historischen Ort: Dem „Weißen Saal im Rathaus“. Ein wunderschöner, leuchtender Raum im Rokoko-Stil: Ab 1727 haben ihn italienische Stukkateure zum kleinen Festsaal des Rathauses verziert. Ich könnte mir wirklich keinen märchenhafteren Ort im Zentrum Aachens für meine Hochzeit vorstellen! Es gibt mehrere besondere Trau-Orte in Aachen. Diese sind allerdings schnell ausgebucht und reserviert. Und im Aachener Standesamt ist es nicht leicht jemanden ans Telefon zu bekommen. Eines Freitags habe ich innerhalb von 4 Stunden ca. 50 Mal dort angerufen, bis ich endlich eine Dame am Telefon hatte, die mir den Saal für den Vormittag unseres Wunschtermins reserviert hat. Allerdings nur bis Ende April. Bis dahin sollten unsere Unterlagen beim Aachener Standesamt vorliegen. Das heißt: Bis dahin musste es mit der Anmeldung der Eheschließung beim Karlsruher Standesamt geklappt haben.

Das Rathaus

Als der Termin im Standesamt in Karlsruhe endlich gekommen war, hat uns dort eine bezaubernde Mitarbeiterin empfangen. All meine Vorurteile, die sich nach dem ersten Telefonat breitgemacht hatten, waren wie weggeblasen. Sie hat uns Mut gemacht, dass wir früh genug dran sind und, dass das sicher alles klappen würde. Puh. Gut für meine Nerven. Meine verschiedenen Unterlagen aus Chile und Deutschland sind daraufhin geprüft worden und Raphael musste sich eine Abschrift aus dem Geburtenregister im Amt seines Geburtsortes besorgen. Das hat sogar funktioniert ohne, dass er hinfahren musste. 2017er Style: Online beantragen und per Online-Überweisung bezahlen. Fertig.

Sechs Monate vor dem geplanten Hochzeitstermin waren wir wieder beim Standesamt: Ich konnte es kaum glauben, aber unsere Unterlagen haben soweit gepasst. Und der große Berg an Arbeit, der im Januar vor uns zu liegen schien, war auf einmal gar nicht mehr so groß.

Der Eingang vom Rathaus. Das wird der Ausblick nach der Eheschließung im „Weißen Saal“ sein – auf den Marktplatz

Soll es ein Familienname sein?

Am Morgen dieses Termins hat Raphael mich beiseite genommen und mir erklärt, dass er sich Gedanken über unseren künftigen Namen gemacht hat. Ich war aufgeregt wie damals an Heiligabend, als er sich auf einmal vor mich gekniet und mir den Antrag gemacht hat. Wenn man über 30 ist und heiratet, ist es -meiner Meinung nach – nochmal eine viel größere Entscheidung, ob man einen Familiennamen haben möchte, einen Doppelnamen, oder ob jeder weiterhin seinen Namen behält.

Man hat sich so oft mit Nachnamen vorgestellt, unterschrieben und seinen Namen am Telefon diktiert. Ein Name ist ja auch ein großer Teil der eigenen Identität.

Wie oft habe ich schon folgendes Gespräch geführt:

Ich: „Athene Pi Permantier heiße ich.“

Irgendjemand: „Athene Pi was?“

Pi Permantjeeeee – Pi, neues Wort, kein Bindestrich. P E R M A N T I E R.“

Oha! Das habe ich ja noch nie gehört. Woher kommt der Name? Ist das ein Künstlername?“

Ne, ein Künstlername ist es nicht. Ich bin in Chile geboren worden. Da bekommen alle Kinder den ersten Nachnamen des Vaters und den ersten der Mutter. Mein Vater heißt Pi Garcia mit Nachnamen und meine deutsche Mutter heisst Permantier. So bin ich zu den zwei Nachnamen ohne Bindestrich gekommen.“

Ach krass! Und Athene? Warum kein deutscher oder chilenischer Vorname?“

Ehrlich gesagt einfach so: Die zwei haben Homer gelesen, als meine Mama schwanger war und da haben sie über Athene gelesen und sich für diesen Vornamen entschieden.“

Das ist die Kurzversion. Dadurch, dass der Nachname international zusammengesetzt ist, hat ihn niemand anderes. Und deshalb habe ich mir gewünscht, meinen Namen behalten zu können. Ich kann aber auch jeden anderen verstehen, der seinen Namen nicht ändern möchte und das hatte ich Raphael auch so gesagt. Umso geflashter war ich, als er beim morgendlichen Kaffee zu mir gesagt hat, dass er sich wünscht, dass wir einen gemeinsamen Familiennamen haben. Und dass er sich deshalb vorstellen kann, seinen Namen zu ändern.

Natürlich habe ich vor Freude Rotz und Wasser geheult, als er mir das eröffnet hat.

Und später als die Standesbeamtin uns nach Namenswünschen gefragt hat und Raphael sein Vorhaben wiederholt hat, da habe ich gleich nochmal geweint – Ganz viele Freudentränen. Es ist einfach viel zu schön: Wir werden eine Familie. Mit einem Familiennamen. Wir werden die „Pi Permantiers“. Hihi.

Nachdem wir alles auf dem Amt unterschrieben haben, ging unser Papierkram auf die Reise nach Aachen.

Aachener Altstadt

Einmal bezahlen bitte und die Trauung kann kommen

Anfang April bekamen wir endlich Post aus Aachen. Im Brief stand, dass unsere Unterlagen angekommen sind und wir nun die letzten Formalitäten erledigen können. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Aachener Standesamt war klar: Auch da müssen wir nochmal persönlich vorbei. Wer im „Weißen Saal“ heiraten will, zahlt dafür nämlich zusätzlich 200 Euro Raummiete. Außerdem kosten Heiratsurkunden und die Eheschließung selbst nochmal Geld und das Aachener Standesamt „möchte gern, dass das in bar oder mit Karte bezahlt wird. Online Überweisung geht leider nicht.“

Im Nachhinein bin ich aber froh, dass wir auch nochmal dort waren. Der lustige Standesbeamte hatte noch viele nützliche Infos für uns. Zum Beispiel wünsche ich mir, dass ich etwas später als die restlichen Gäste in den Raum komme. (Wie man es sonst aus der Kirche kennt.) Und uns wurde versichert, dass das möglich ist. Und: Wir können auch den Standesbeamten vorher Infos über uns schicken. Zum Beispiel darüber wie der Antrag war und wie wir uns kennengelernt haben. Das wird dann in die Rede bei der Eheschließung einfließen. Das hätte ich bei einer standesamtlichen Trauung gar nicht für möglich gehalten und finde es großartig! Ich bin sehr gespannt, was der Standesbeamte aus den Infos machen und wie er die Eheschließung im „Weißen Saal“ gestalten wird.

Und damit haben wir den Tanz mit den Behörden geschafft – der große Tag kann kommen.

Der Katschhof in Aachen

Facts

  • Unterlagen, die in Karlsruhe für die „Anmeldung der Eheschließung“ nötig sind: Gültiger Personalausweis oder Reisepass, Auszug aus dem Geburtenregister, Aufenthaltsbescheinigung
  • Sobald einer der EheparterInnen im Ausland geboren worden ist oder schon verheiratet war, wird es deutlich komplizierter.
  • Kosten in Karlsruhe: Anmeldung der Eheschließung mit Einbezug der ausländischen Dokumente 80 Euro. – Und für den Abgleich mit der Meldedatei 11 Euro
  • Kosten für Trauung in Aachen im Weißen Saal: 200 Euro Raummiete, Eheschließung selbst 40 Euro und drei Eheurkunden 20 Euro
  • Wichtig: Früh anfangen, Nerven bewahren und immer freundlich bleiben.

Fotos: Raphael Timm & Athene Pi Permantier

Wedding Diaries 1: Der Antrag – wenn das eigene Leben süßer schmeckt als Schokolade

Oh hi! Eine kleine Warnung vorweg – Zu Risiken und Nebenwirkungen sozusagen: Es wird kitschig. Ab jetzt. Dieser Text ist voller rosaroter Gefühle. Also einfach mal gar nichts für alle, die es rational und analytisch mögen. Obwohl – sowas bekommt man bei mir ja eh nie. Aber diesmal ist es besonders krass: Romantik-Overload an Weihnachten.

Ich habe schon immer davon geträumt mal zu heiraten. Obwohl ich mir das eigentlich ja gar nicht vorstellen kann, weil ich es noch nicht gemacht habe. Es ist wohl auf der einen Seite der Traum davon, dass einen jemand anderes so einzigartig findet, dass er sein Leben mit dir verbringen will. Auf der anderen Seite aber natürlich auch, dass ich so für jemanden empfinde. Und dass sich genau das für mich in genau diesem Moment perfekt anfühlt.

Ich gebe zu: Mit der Zeit habe ich nicht mehr so wirklich daran geglaubt, dass es wirklich passiert. Es ist eine unpraktische Eigenschaft von mir, dass ich manchmal vom Schlechten ausgehe – nur um nicht schlimmer enttäuscht zu werden.

Was ich allerdings sicher wusste, als er in meinem Leben angekommen war: In Raphael hatte ich einen Gefährten gefunden. Einen Freund, Liebhaber, Kindskopf, Reisenden und besten Freund in einem. Manchmal lernt man Menschen kennen und alles ist einfach: Kochen, reisen, schlafen, sitzen, Filme schauen und auch mal schweigen. Den anderen im Leben zu haben fühlt sich einfach angenehm und kuschelig warm an. Und dadurch zu gut um wahr zu sein.

Der Disney-Moment

Seit wir zusammen sind verbringen wir Weihnachten beispielsweise wie selbstverständlich zusammen. An Heiligabend sitzen wir immer in meinem Elternhaus im Wohnzimmer. So auch im Dezember 2016. Bei uns ist es Tradition, dass jeder nacheinander ein Geschenk auspacken darf. Einer nach dem anderen. Ganz am Ende stand da noch ein relativ großes Päckchen mit meinem Namen darauf. Ich öffne es, es ist so unwirklich leicht, als wäre eine wertvolle Feder darin versteckt. In diesem Päckchen drin versteckt sich ein etwas kleineres Päckchen – und da steht „Raphael“ drauf geschrieben. Also reiche ich das Paket weiter und er beginnt zu erzählen:

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Als alles begann: Roadtrip Italien

Vor drei Jahren haben wir uns kennengelernt. Auf der Arbeit – in der Redaktion. Als „die neue“ habe ich an Weihnachten und Silvester einige Schichten übernommen und war auf einmal ziemlich einsam in Baden-Baden. Ich kannte da ja fast niemanden! – Außer Raphael. Wir haben uns von Anfang gut verstanden und so haben wir uns verabredet Silvester zusammen zu feiern. Keine große Party. Silvester wird meiner Meinung nach eh überbewertet. Raphael hat nur gesagt: „Du und ich wir machen was an Silvester. Das steht fest.“ Und das war das beste was er mir sagen konnte. Unsere Freundschaft bestand damals nur aus kleinen Fäden, die schnell durchtrennt werden können. Aber wir haben nicht nur Silvester zusammen verbracht. Wir haben gekocht, Tatort geschaut, uns unsere Geschichten und unsere kleinen Monster anvertraut und so wurden aus den kleinen Fäden erst Bänder und dann immer festere Seile. Zusammengekommen sind wir auf einem spontanen Roadtrip nach Italien: Wir hatten genau vier Tage Zeit zu verreisen, haben das Auto genommen und Richtung Süden gefahren. Im Februar. Übrigens ein echter Geheimtipp: Genua und Livorno im Februar. Aber das ist ein anderes Thema. Wir saßen am Strand, haben Eis gegessen und natürlich viel Pizza und dazu gab es Wein und Geschichten aus dem Leben: Am letzten Abend der Reise haben wir uns an der Promenade geküsst und sind seitdem fest zusammen. Es ist abends passiert – auf der Promenade von Livorno, die nichts mit den prunkvollen anderen Städten in der Gegend, wie Pisa gemeinsam hat. Livorno ist bodenständig und als großer Hafen-Fan finde ich es ausgezeichnet, dass unsere Liebe genau dort begonnen hat.

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Ich schweife ab. Raphael hat sich da an Weihnachten deutlich kürzer gefasst. Vom Grundstein unserer Liebe kam er zu den vielen unterschiedlichen Reisen, die wir unternommen haben: Chile, Bali, Kalifornien, Neuseeland und und und. Und während er gesprochen hat, war ich wie im Trance. Ich kann mich nur daran erinnern, weil meine Familie zum Glück auch da war und mir hinterher geholfen hat alle Puzzleteile dieses Abends zusammenzubekommen.

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Auf Bali

Raphael hat mit seiner warmen Stimme von unseren bisherigen gemeinsamen Reisen erzählt und dann sagte er auf einmal: „Aber eigentlich ist es egal wohin wir gereist sind, denn das einzig wichtige war, dass wir zusammen sind. Und dann: Jetzt steh bitte auf“. Und während ich seiner Bitte gefolgt bin, ist er auf die Knie gegangen und hat die großen Worte gefragt:

Willst du mit mir gemeinsam auf die Reise dieses Lebens gehen? Willst du mich heiraten?“

„Ja“ – das habe ich sofort gesagt. – Allerdings nicht mit der festen Stimme, mit der ich es mir vorgenommen habe. Rotz und Wasser habe ich geheult und „Ja“ gestammelt. Dieser Moment hat mich einfach komplett umgehauen. Ich bin nicht oft sprachlos. Da war ich es fast. Ich habe mich gefühlt, als würde ich fliegen. Und dann hat er mir auch noch einen zauberhaften Prinzessinnen-Ring an den Finger gesteckt. – Viel schöner als alle anderen Ringe, die ich bisher gesehen habe. Erst hinterher, viel später habe ich realisiert, was da an diesem Abend passiert ist.

Atacama Wüste Chile

Das war die größte Magie in meinem Leben bisher. Dieser Moment, diese Gefühle und die Gewissheit: Das ist genau das richtige. Das ist Liebe. Wahre Liebe. Und in meinen Romantik-Filmen hatten sie doch ein bisschen recht. Manchmal ist das Leben genauso kitschig und großartig. Zum Glück. >Das macht Mut. Wir werden heiraten. Wahnsinn.

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P.S. Ja, viele Selfies – die sind in diesem Fall auch mal erlaubt.

Karibische Hochzeit im All-Inclusive Hotel in Punta Cana

Eine der besten Freundinnen heiratet in der Dominikanischen Republik in einem All-Inclusive Hotel in Punta Cana und aus aller Welt reisen Menschen an, um dieses Ereignis zu feiern. Eine unvergessliche, großartige Erfahrung – auch wenn meine eigene Hochzeit anders sein wird. Herzensmomente in traumhafter Kulisse und wieviel eine Hochzeit in der Karibik kostet, findet ihr hier.

Die Sonne brennt, klock klock klock. Ich versuche möglichst aufrecht durch die Hotelanlage zu gehen und komme mir dabei verkleidet vor in meinem türkisen Kleid und in den hohen Schuhen. Der Boden ist uneben, ich schaue immer wieder nach unten, um nicht hinzufallen und stelle mir vor, dass ich aussehe wie ein kleines Trampeltier. „Hätte ich nur damals beim High-Heels Training besser aufgepasst“, denke ich und hoffe anzukommen – im besten Fall bevor ich hinfalle.

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Es ist der große Tag für meine Freundin Vanesa. Sie heiratet hier und heute in diesem riesigen Hotel in Punta Cana, in der Dominikanischen Republik. In einem All-Inclusive Resort am glitzer-blauen Meer. Gleich neben Pool, Bar und Animation. Seit ich hier gelandet bin, fühlt es sich an als wäre ich in eine Fototapete gestolpert. Die Natur ist wirklich unfassbar schön: Heller Sand, das türkise Meer und Palmen soweit das Auge reicht. Das einzige was stört sind die vielen Menschen, die sich hier nebeneinander am Strand auf den Liegen sonnen und kleinen Ölsardinen ähneln. Unser Hotel ist eins von vielen All-Inclusive-Resorts in Punta Cana. Und in fast allen kann man auch Hochzeit feiern. Vanesas Familie kommt aus der Dominikanischen Republik. Und ihr Verlobter stammt aus den USA. Deshalb feiern wir heute hier. In den vergangenen zwei Tagen sind Menschen aus der ganzen Welt angereist, um den großen Tag der beiden mitzuerleben. Wir haben gemeinsam Salsa tanzen geübt, am Strand gelegen und am VIP-Pool vor dem Zimmer des Brautpaares gefeiert. Es hat ein bisschen was von einer Luxus-Klassenfahrt, wenn man sich so umschaut. Sobald man die vorgemixten All-Inclusive-Drinks probiert, allerdings schon nicht mehr: Der „Mojito“ schmeckt bestenfalls nach passiertem Minz-Zuckerwasser an billigem Rum. Aber darum geht es nicht. Die Aussicht und die Freunde entschädigen für alles.

Der große Tag

Während ich quer durch die Anlage stöckle, macht sich Aufregung in meinem Magen breit. Es ist soweit. Sie wird wirklich heiraten. Wir haben und bei ihr auf dem Zimmer verabredet, um im großen Moment der Aufregung bei ihr zu sein. Um ihr ins Kleid zu helfen und um fürs perfekte Styling zu sorgen. Vanesa ist allerdings noch lange nicht soweit. Das Zimmer ist leer, ich finde sie im Spa, wo sie für den großen Auftritt geschminkt wird. „Tschaka, bisher nicht hingefallen! Und schade, dass sie nicht im Zimmer bei Sekt gestylt wird“, denke ich und bewundere Vanesa und ihre Mutter wie sie geduldig da sitzen und sich anmalen lassen – natürlich schon 30 Minuten zu spät. Hora latina. Gehört wohl dazu. Kurz darauf warte ich im Zimmer weiter auf die Dame des Tages, als der Bräutigam hereinstolpert. Null gestylt. Er müsse das jetzt schnell machen, sagt er. Mein deutsches Zeitgefühl und ich wir werden etwas nervös. Da bin ich altmodisch: Der Bräutigam darf die Braut auf KEINEN Fall vor der Hochzeit sehen. Aus dem einfachen Grund, dass sonst die Aufregung und die Vorfreude zerstört ist. Während er sich in aller Ruhe seinen Anzug anzieht und darüber nachdenkt welche Socken wohl am besten zu seinem Anzug passen, habe ich das Gefühl aufgeregter zu sein als er. Endlich nimmt er seinen Hut in die Hand und macht sich auf zum Ort der Trauung.

Der wartende Bräutigam

Eine Stunde nach Plan kommt die Braut dann endlich ins Zimmer gerannt und ich bin beeindruckt wie schnell auf einmal alles geht: Rein ins Kleid, straffen straffen, Korsage hinten festziehen und setzen. Schuhe an und fertig. Wir besten Freundinnen bekommen noch Seestern-Klämmerchen ins Haar, die zu Vanesas Haarschmuck passen und es kann losgehen.

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Jede nimmt ein Stück von ihrem Kleid, damit nichts auf dem Boden schleift und dann heisst es wieder: Stöckeln stöckeln nur nicht fallen. Neben uns zwei Fotografen, die den Tag aus allen Perspektiven festhalten. Immer wieder halten wir an: Foto Foto Foto – zum Beispiel auf der Brücke am Pool. Natürlich geht um uns herum das normale Hotelleben weiter. Menschen mit Handtuch in Badehose und Bikini schlendern an uns vorbei, sie sind auf dem Weg zum Strand oder zum Buffet und schauen neugierig rüber zu der Frau, die heute heiraten wird. Welten prallen aufeinander. Ich stelle mir die Situation von außen vor uns muss grinsen.

Die Zeremonie

Die größte Enttäuschung bei dieser angeblichen Strand-Hochzeit: Der Ort der Zeremonie. Ich war mir vorher so sicher gewesen, dass wir einen feinen kleinen Pavillon am Strand haben würden, wo die Trauung stattfindet. Schließlich hatte ich das so schon in amerikanischen Filmen gesehen. Aber nein. Diese Hochzeit findet mitten im Herz der Anlage statt. In einem Pavillon am Main-Pool – wo an diesem Nachmittag die Miss Bikini gewählt wird.

Nach einer langen Wanderung quer durch die Anlage übergeben wir Vanesa an den Arm ihres dominikanischen Vaters. Showtime.

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Wir sitzen auf weißen Klappstühlen rund um den Pavillon und da läuft sie ihrem neuen Leben entgegen. Mit festen Schritten. Sie weiß was sie tut, das sieht man ihr an. Und genau das erfüllt mich in dem Moment mit Stolz und Freude. Man sieht dem Bräutigam an, dass er lange gewartet hat. – Dort in der Hitze, während sie gestylt worden ist. Aber jetzt sieht er beruhigt aus. Sie hat es sich nicht anders überlegt. Natürlich nicht.

20161203-IMG_9689Ein Dominikaner hält die Zeremonie in gebrochenem Englisch. Ich wünschte er hätte Spanisch sprechen und emotional werden dürfen. Aber darum geht es nicht. Vanesa strahlt mit sich selbst um die Wette und es ist ein Geschenk sie dabei anschauen zu dürfen. So glücklich habe ich sie in all den Jahren nicht gesehen. Nach zwei Bekenntnissen und „Yes I do“, sind die beiden verheiratet.

Eine Frau im Bikini hat extra ihre Liege umgedreht, um zuschauen zu können – jetzt weint sie vor Glück. Alle freuen sich mit den beiden, gratulieren und schmücken das Brautpaar mit Seifenblasen.

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Das ging fast ein bisschen zu schnell, aber auf einmal höre ich wieder die Musik der Animation und bin froh, dass wir nun an den Strand gehen, um da die ersehnten kitschigen Hochzeitsbilder zu machen. Wir ziehen unsere hohen Schuhe aus und springen durch den Sand, wie kleine Mädchen. Der Fotograf macht einen fantastischen Job und nimmt sich alle wichtigen Fotokonstellationen vor bevor die Sonne für heute verschwindet. Dieser Moment bleibt: Auf Fotos und in unseren Herzen – in der Erinnerung. Ich halte kurz inne, blicke aufs Meer und freue mich über so viel Schönheit durch Liebe und Natur, dass es sich anfühlt als würde ich platzen.

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Der Abend

Die Hochzeitsfeier findet in einem der vielen Restaurants des Hotels statt, das wir an diesem Abend nur für uns allein haben. Wir dürfen uns einen Platz an runden Tischen suchen. Das Brautpaar sitzt vorne an einem Tisch zu zweit. – Für alle gut zu sehen, auf dem Präsentierteller. Zwischen Wein und drei Gängen an leckerem Essen verfliegt die Zeit. Vanesas Bruder spielt Songs auf der Gitarre und schließlich steht die Braut selbst auf und schmettert einen Liebessong für ihren Bräutigam. In den Augen der Gäste ist Überraschung zu sehen: Offenbar wussten nur wenige, wie toll sie singen kann. Jetzt ist der Moment gekommen: Ich kämpfe mit den Tränen, denn ich bin unfassbar gerührt. Und Musik bringt mich eh schnell zum Weinen. Als der Brautstrauß geworfen wird, bin ich deshalb gar nicht richtig bei der Sache. Ich fange ihn nicht. Vanesa schimpft hinterher, sie habe ihn extra in meine Richtung geworfen. Es hat nicht sollen sein. Eine andere war schneller. Aber wer muss schon einen Brautstrauß fangen.

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Danach bringt uns Vanesas lateinamerikanische Familie bei wie tanzen wirklich geht. Ein Onkel kann zu jedem Latino-Song eine Choreographie. Wirklich außergewöhnlich und schön anzusehen. Nur eins hat bis hier gefehlt: Ein paar Worte über das Brautpaar. Ich persönlich bin großer Fan von Reden: Für mich ist es ausgezeichnet, wenn Worte über die Verliebten ausgepackt werden. Das muss auch keine lange Rede sein. Einfach eine Anekdote. Der Stiefbruder des Bräutigams bricht schließlich das Eis und spricht den ersten Toast. Es folgen weitere Worte von Freunden aus den USA – vor allem vom Bräutigam. Ich fasse mir schließlich ein Herz und gehe vor, obwohl ich Schiss davor habe Englisch zu reden vor all den Amerikanern. Aber egal. Wenn du weißt: Wenn du jetzt nicht gehst, wirst du es bereuen. Ich schlucke den Kloß im Hals runter und sage ein paar Sätze: Über Vanesas und meine Zeiten im Studium, als wir bei Kakao zusammengesessen und regelmäßig unsere Herzen zusammengeflickt haben. Über den Mut der beiden, den ich sehr bewundere. Ich wünsche ihnen, dass die unwirkliche Schönheit dieser Tage der Hochzeit in der Dominikanischen Republik sie immer begleitet und ihnen Glück bringt. Zu zweit.

Am Ende des Abends steht fest: Diese Reise, um zwei Liebende bei ihrer Hochzeit zu begleiten, hat sich gelohnt.

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Facts:

Kosten für so eine Hochzeit im Hotel kann stark variieren. – Je nach Paket, das man bucht. Diese Hochzeit mit 70 Gästen hat rund 5000 US-Dollar gekostet (inkl. Übernachtungen des Brautpaares im Hotel, Zeremonie, Essen, Kuchen, Cocktailempfang, Häppchen etc – ohne Fotograf, Kleidung, Flüge)

Hier lest ihr im Artikel der Braut, wie sie das organisiert hat:

How to have a dream wedding for 5k

  • Hochzeiten im Hotel lohnen sich vor allem für internationale Paare, um Menschen aus aller Welt zusammenzubringen
  • Wir haben im Be Live Hotel Punta Cana gefeiert. Die Braut kann sehr gut handeln und hat gute Preise für die Zimmer der Gäste ausgehandelt
  • All-Inclusive ist nicht jedermanns Sache und heisst oft nur so. Vieles kostet am Ende extra – in unserem Fall zum Beispiel das WLAN
  • Besonders toll sind die Erinnerungsfotos am Strand mit paradiesischer Kulisse

Fotos: Raphael Timm & Gregory Martinez

Dominikanische Republik: Macao – das etwas andere Punta Cana

Wir lassen Playa de Bavaro rechts liegen und fahren Richtung Norden. Rechts von uns eine Hotelanlage neben der anderen am Meer. Die Oasen, wo die Pauschaltouristen den Alltag vergessen und ihren Jahresurlaub verbringen. Was hat Punta Cana noch zu bieten? Psssst! Einiges!

Wir sehnen uns nach Stränden ohne tausend Liegen, mit weniger Menschen und mehr Natur. Nach 20 Minuten biegt das Auto ab, wir fahren durch ein kleines dominikanisches Dorf und plötzlich ist alles anders: Am Straßenrand kleine Wellblech-Häuser. Essensbuden am Straßenrand und viele Kinder, die auf der Straße spielen. Das ganz normale Leben – nur eben auf dominikanische Art. Noch sind wir aber nicht am Ziel. Kurz darauf biegen wir noch einmal ab und rumpeln über eine unbefestigte Straße weiter – vorbei an grünen, roten und pinken Häusschen – bis wir an ein paar hellblauen Wellblechhäusern ankommen. Wir sind am Ziel. Hier befindet sich das Macao-Beach-Hostel: Mitten im Grünen, mit Blick auf Bäume, Wiesen und Kühe. Vor der Tür chillt ein Hund in der Sonne und ein Hahn patroulliert durch den Garten. Wir waren keine halbe Stunde unterwegs und doch fühlt es sich an, als wären wir auf einem anderen Planeten gelandet. Das Hostel ist einfach, aber eine perfekte Oase für alle, die abseits vom Massentourismus leben wollen. Gastgeber Andrés heißt uns willkommen, zeigt uns den Aufenthaltsraum, unsere Unterkunft und erklärt uns den Weg zum Strand.

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Unsere Unterkunft

Wir wohnen außerhalb vom Hostel in einer kleinen Wohnung. Allerdings darf man sich hier keinen Luxus vorstellen: Wir schlafen auf einer Luftmatratze, in der Küche gibt es fast kein fließendes Wasser und die Temperatur des Wassers im Bad ist wetterabhängig. Aber dafür ist man eben genau da, wo die Menschen leben – weit weg von den Touristenzentren.

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Hier kann man eine andere Seite der Dominikanischen Republik kennenlernen: Das Leben auf dem Land. Es ist kein Leben in einem richtigen Apartment. Es fühlt sich eher an, als würde man in einem großen Zelt wohnen: Nachts fegt der Wind durch die Ritzen am Fenster und morgens werden wir von Hähnen geweckt und dann sitzen wir auf unserer kleinen Veranda auf Campingmöbeln und gucken ins Grüne. Wie beim Campen gewöhnt man sich schnell an die Nächte auf der Luftmatratze. Wenn man keine Lust hat in den Supermarkt zu gehen, kann man da einfach anrufen und bestellen. Schon bald kommt der Lieferdienst auf dem Motorrad angefahren und bringt einem die Waren vorbei. Ganz besonders hier war für mich, dass die Anwohner sich und auch uns als Besucher immer total herzlich gegrüßt haben jeden Tag aufs Neue. Wir haben uns sehr wohl gefühlt.

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Der Strand

Zum Strand laufen wir knapp 20 Minuten, raus aus dem Ort, an der Straße entlang und dann über den Hügel – bis man das Meer sieht. Die Belohnung. Ich bin richtig geflasht, als ich den Strand von Macao zum ersten Mal sehe.

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Das Markenzeichen der Dominikanischen Republik ist wieder da: Palmen soweit das Auge reicht. Und dazu ein wilder Strand. Mit Büschen, kleinen Buden und ein paar Surfboardverleihs. Außerdem kleine Restaurants mit Holztischen im Sand, wo man frischen Fisch essen oder Bier trinken kann. Der Strand ist das Gegenteil der anderen Strände, die wir in Punta Cana kennengelernt haben, weil er sich etwas Ursprüngliches bewahren konnte. Das einzige, was die Schönheit an diesem Strand trübt, sind die Busse, die immer wieder Tourigruppen ausspucken. Eine Stunde lang bleiben sie am Strand und machen Bilder mit einem Papagei – und danach eine Tour mit einem Sand Buggy. Aber danach sind sie immer wieder schnell weg und die Ruhe kommt wieder.

Wir trinken ein Bier, schauen aufs Meer und können es nicht fassen, dass wir hier etwas gefunden haben, was dem Paradies – so wie ich es mir vorstelle – ziemlich nah kommt. Endloses blaues Wasser, wilde Palmen und weicher Sand, der unseren Füßen schmeichelt und dazu viel Platz. Immer wieder tollen wir durch die Wellen wie Kinder, die zum ersten Mal das Meer sehen. Hinterher leihen wir uns Surfboards und freuen uns über die kleinen grünen Wellen, die uns gnädig bis an den Strand tragen. Hier können wir uns einmal fühlen wie ganz große Surfer. Aber darum geht’s nicht. Es ist dieses einzigartige, unvergessliche Gefühl, das sich in einem breit macht, wenn man eine Welle bekommt. Auf einmal fühlt es sich wieder an als könne man fliegen. Es ist praktisch eine Gefühls- und Glücksexplosion auf einmal.

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Nach stundenlangem Surfen kommen die Fischer von ihrer Tagestour wieder und bringen den Restaurants den frischen Fisch. Da feststeht, dass die Sonne bald weg sein wird, geben wir die Boards zurück und setzen uns in eines der kleinen Restaurants. – An einen Tisch am Strand, und wir genießen den Fisch und die frittierten Bananen. Und es ist kein Scherz: Währenddessen geht die Sonne unter. Beim Schreiben find ich es selbst ein bisschen übertrieben, aber genauso perfekt war es. Für mich ist der Strand von Macao einer der schönsten, die ich bisher kennenlernen durfte.

 

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Facts:

Unterkunft: Macao Beach Hostel

Preis Essen am Strand: ca 10 Dollar für einen großen Teller frischen Fisch.

Boardmiete: 10 Dollar für eine Stunde. Handeln lohnt sich.

 

Geschichten aus Barcelona

Zum ersten Mal traue ich mich im November nach Barcelona. Koffer packen kommt mir diesmal besonders schwierig vor. Winterjacke? Die App sagt für die kommenden Tage 20 Grad voraus. Aber irgendwie kann ich mir das nicht vorstellen und packe einen Mantel ein. Kommt mit nach Barcelona im Herbst.

Es ist viel zu lange her, denke ich, als ich aus dem Flugzeug steige. Vor zwei Jahren war ich zuletzt hier. Gibt es wohl noch…? Ist es so wie bekannt und geliebt? Sind vielleicht diesmal weniger Touristen da? Noch während ich das denke, fange ich an zu kichern. Das ist Quatsch. Jeder weiß, dass Barcelona zum Dauertrendziel Europas geworden ist. Wer keine Menschen mag, ist hier falsch. Insgesamt war ich inzwischen sehr oft in Barcelona. Ich nenne euch keine genaue Zahl, weil ich nicht sicher bin. Aber fest steht: Viele Geschichten rund um die Stadt haben sich in meinen Kopf gebrannt und mischen sich nun bei jedem neuen Besuch mit den neuen Geschichten.

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Wir steigen in Paral.lel aus der Metro. Unser Airbnb befindet sich im Viertel Poble Sec. Das Viertel hatte ich bisher nicht auf dem Schirm, bin aber sofort begeistert von vielen kleinen Tapas-Bars und Plätzen. Eine echte Entdeckung! Früher war dieses Viertel einmal ein Industriegebiet. Drei Schornsteine von einem Stromversorger erinnern noch heute daran. Ansonsten ist von dem einst „ausgetrockneten Dorf“ nicht viel geblieben. Es befindet sich inmitten des Häusermeeres Barcelonas, am Fuße des Montjuics. Von hier aus können wir laufen: Ins Raval, ins gotische Viertel… oder an den Strand. Klar, man kann inzwischen auch Rikscha fahren, Segway, E-Roller oder mit einem dieser roten Touristenbusse. Aber das ist nicht mein Ding. Zu Fuß zeigen sich so viel mehr Geheimnisse in einer Stadt. Man kann anhalten. In kleine Innenhöfe gehen. Sich umdrehen, die Perskektive ändern und auf einem der vielen malerischen Plätze Pause machen und sitzen. Zu Fuß erschließt sich die Identität dieser Stadt, in der viele Nationalitäten Zusammenkommen. Wir laufen zickzack durch kleine, einsame Gassen im Raval – vorbei an Jungs, die den ganzen Tag vor ihrer Haustüre sitzen, wie Türsteher. Wir passieren Handyshops, Gemüseläden und Geschäfte, in denen es einfach alles gibt. Und dann sind da plötzlich moderne, stylishe Bars, neben alten urigen Cafés an der Rambla del Raval. Und dazu strahlender Sonnenschein.

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Eins der schönen Cafés im Raval

Der Herbst hat die Bäume bunt gefärbt und lässt sie gelbe, orange Blätter auf die Straßen regnen. Barcelona ist wie dieser Freund, der auch nach Jahren neue Geschichten zu bieten hat, die man bisher noch nicht gehört hat. Jedes Mal finde ich hier neue Plätze, neue Perspektiven und neue Aussichten. Beim Tapas essen im Poble Sec erklärt uns der Kellner, dass es keine Karte gebe. Er sei die Karte und überhaupt: Am besten solle man Bier trinken. Wir hören auf ihn und essen viele kleine Happen, also Pinchos, die uns von der Theke anlachen. Beim Essen erinnere ich mich an einen Barcelonaurlaub, als wir in einem Hostel in der Nähe der Pl. Reial untergekommen sind. – Eins dieser Hostels, wo du deinen Namen auf das Essen schreibst, wenn du es in den Kühlschrank stellst.

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Am nächsten Morgen war das Essen weg. Im Kühlschrank lagen dafür gelbe Klebezettel mit Entschuldigungen drauf: „Person X habe Probleme. Sorry. Bitte morgen den Kühlschrank checken, dann läge da Geld drin“. – Es stand kein Name dabei und doch wussten wir gleich, wer es war. Das dünne, junge Mädchen aus unserem Dorm, die allein auf Weltreise war. – Und jeden Abend Party machte. Ihren Namen habe ich vergessen. Aber manchmal denke ich noch heute an sie. Hat sie wohl noch immer Ess-Anfälle? Reist sie noch? Und erinnert sie sich an Barcelona? Ich hoffe es sehr. Das Geld hat sie uns übrigens wirklich wiedergegeben. Und eine Erinnerung für immer.

Barcelona: viele Brauntöne und Gassen. – Dunkle Gassen, bei denen du nie genau weisst, wohin sie dich bringen. Und welche Geheimnisse sich darin verbergen. – Oder welche ausgezeichneten Bars. In manchen Nächten im Sommer 2010 sind wir einfach von Platz zu Platz gezogen und haben gesessen, gesungen, geredet, die Welt verbessert. – Unter dem Einfluss von Dosenbier. Unfassbar. In jenem Sommer haben wir auch besonders viel Zeit im Park und an den Stränden verbracht, weil wir tagsüber zu nichts anderem in der Lage waren.

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Der Strand im Herbst

Besondere Magie haben auf mich seit jeher die Bauten von Gaudí. Der Besuch im Park Güell kostet inzwischen Eintritt. – Man sollte die Ticktes am besten vorher online kaufen. Aber solange diese außergewöhnliche Parkanlage dadurch geschützt wird, ist es mir das wert. Der Park ist zwischen 1900 und 1914 gebaut worden und strahlt so viel Farbe, Verspieltheit und Freude aus, dass ich mich dort fühle wie Alice im Wunderland. Wie gern würde ich mich hier allein hinsetzen und bei dieser Aussicht über die Stadt bis hin zum Meer ein Buch lesen. Leider sind überall Menschen, die versuchen ein bis hundert schöne Bilder zu schießen. Kein Vergleich zu den Aufnahmen aus Filmen wie „L’Auberge Espagnole“ und trotzdem komme ich immer wieder. Diese Architektur ist einfach atemberaubend.

Und dann gibt es da die Geschichte der „Bar 7“. Ich kann euch die Adresse googeln, wenn ihr mögt. Aber ich kenne sie nicht. Die Bar 7 kenne ich seit dem Jahr 2012. Wir waren in einem furchtbaren Hostel in einem Dorm mit 12 Menschen untergekommen. Und Abends kamen da immer selbsternannte Partyexperten vorbei, um die willige Crowd durch Barcelona zu treiben und in große Discos zu schleppen. Wer mich kennt: Das ist überhaupt nicht mein Ding. Aber schön zu sehen: Oft denken sich Menschen, die keinen Job haben hier einfach einen aus. Wie praktisch! Ich hab mich damals kurz mit dem Typen, also dem Partyreiseführer unterhalten. Er war Ende zwanzig und kam eigentlich aus Rumänien. Aber damals feierte er für eine Weile das Leben in Barcelona. Ich erklärte ihm, das ich gern weggehen würde. Aber nicht in einen großen Club, sondern lieber in eine Bar. Gerne urig. Gerne ranzig und normal. Und da erzählte er von der Bar 7. Zur Placa Reial. Und dann abbiegen und dann izquierda, izquierda, izquierda. Also links, links, links. Er hatte nicht zu viel versprochen: Wir haben eine kleine Bar gefunden – gleich neben drei Pollern, die inzwischen rot angemalt worden sind. Warum – keine Ahnung. In der Bar bediente ein Mexikaner und machte mir eine starke Michelada. Im Hinterzimmer spielte eine Band. Perfekt. Jedesmal laufe ich nun durch Barcelona bis ich diese Bar wiedergefunden habe. Es gibt sie noch – und allein das liebe ich.

Barcelona: Eine Stadt voller Geschichten, Menschen, die kommen, eine Zeit bleiben und wieder gehen. Für mich ist und bleibt die Stadt eine der schönsten Europas. Hier fühle ich mich wohl. – Denn Unvollkommenheit gehört hier zum guten Ton.

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Fotos: Raphael Timm & Athene Pi Permantier

Ein Sonntag im Mai in Karlsruhe: Alter Schlachthof

Der Sonntag hat sich schön gemacht: Die Sonne scheint, es ist 26 Grad warm und wir sausen in kurzer Hose auf dem Rad quer durch Karlsruhe. – Zum „Alten Schlachthof“, denn da ist Tag der offenen Tür.

Die Haare fliegen, das Leben fühlt sich leicht an. Es ist der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich die Wärme so wahrnehme. Ich grinse mit mir selbst um die Wette, strahle jeden an, der mir auf dem Rad entgegenkommt und will damit sagen: “ Ist dieser Tag nicht perfekt? Sollte es nicht immer genau so sein?“ Natürlich nicht, denn dann wäre es nichts besonderes mehr. Aber an Tagen wie diesen kann ich mich in meiner Stadt, zu Hause wie im Urlaub fühlen. Es ist ja auch eine Art Mini-Urlaub. Es ist das erste freie Wochenende seit langen. Das macht diesen Moment zum Glück zum Quadrat. Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo ich gerade lieber wäre. Das alte graue Fahrrad fährt noch – es hat immerhin drei Gänge. Der Wind lässt die Beine spüren, was sie so lange vermisst haben: Freiheit und Luft.  Über den Winter hatte ich ganz vergessen, wieviel besser es sich in kurzer Hose lebt.

Wir machen einen Ausflug und landen am „Alten Schlachthof“, denn da ist heute Tag der offenen Tür. Die Büro-Gemeinschaften, Cafés und Clubs haben alle geöffnet, um uns zu zeigen was sie normalerweise arbeiten. Ich war bisher noch nie in der Gegend und fühle mich auf dem alten Gelände wie in Fancy-Hausen. Lauter alte Schlachthof-Gebäude, die umgebaut worden sind zu Orten, wo Menschen jeden Tag arbeiten. In der alten Hackerei zum Beispiel erinnern die Kacheln an der Wand noch daran, was da früher einmal gemacht worden ist. Heute finden hier Partys und kleine Konzerte statt. In manchen Gebäuden ist die Essenz der Architektur erhalten geblieben und daneben sind neue Elemente eingezogen worden, damit da Menschen kreativ werden und arbeiten können. – In Containern zum Beispiel.

Auch ein Autor von Surfbüchern hat in einem solchen Gebäude zum Beispiel seinen Schreibtisch stehen und tippt seine Texte, wenn er nicht gerade an der Algarve surfen ist. Ich bin begeistert auf wieviele tolle Ideen Menschen kommen, um alte Räume mit Geschichte so zu modernisieren, dass der Charakter erkennbar bleibt und trotzdem wirkt auf einmal alles urban und modern.

Die Zeit rennt, wir sind stundenlang über das Gelände flaniert, haben Unmengen Kaffee, Eis, Pommes und andere Schweinereien genossen und dann, als es vorbei hätte sein können, haben wir uns in ein Café gesetzt. Einfach so. Wir saßen in der Sonne, bis es spät war. Und es war perfekt. Das war einer dieser Momente, wo das Glück kurz greifbar war.

Heute habe ich Karlsruhe von einer neuen Seite kennengelernt. Dafür bin ich dankbar. Die Schönheit in den Dingen, die so naheliegend sind, beeindruckt mich besonders.

Foto: Raphael Timm