Wedding Diaries 11: How I said yes to my dress – der Kauf des Brautkleides

Der Kauf eines Brautkleides hat etwas Magisches. Ich glaube das liegt daran, dass man dabei komplett auf Herz und Bauch hören und den Kopf abschalten muss. Es ist wirklich so, wie sie erzählen: Kleid und Braut müssen sich finden. Und während dieses Prozesses habe ich viel über mich gelernt. Hier geht’s zu meinem persönlichen „Wow-Moment“.

Meine Knie zittern, als ich gemeinsam mit zwei Freundinnen auf dem Weg zum Hochzeitshaus in Karlsruhe bin. Dabei war ich vorbereitet: Wochenlang hatte ich Bilder gesammelt, Links gespeichert und mir überlegt wie das Brautkleid aussehen könnte. Und doch hatte ich keine Ahnung. Denn ich hatte noch nie ein langes Kleid an. Und hier beginnt das Spiel. Das Einzige, was ich sicher wusste, war: Ich wünsche mir ein langes Brautkleid, Farbe Ivory. (nicht reinweiß, sondern elfenbeinfarben)

Aber steht mir das überhaupt? In meinem Ausweis steht, dass ich 1,60 Meter groß bin. Und wenn ich ehrlich bin, dann sind es höchstens 1,59.

Würde ich ein Kleid finden, das bezahlbar ist, mir gefällt und mir auch noch gut steht? Es fühlt sich an, als wäre ich auf der Suche nach der perfekten Zahlenkombi für einen Lottogewinn. Und wir wissen ja alle, wie unwahrscheinlich es ist diese zu knacken.

Photographer_GranCanaria-25
Mein Wunsch: Ein Kleid zum Tanzen, lieben, wohlfühlen. Hier trage ich es auf Gran Canaria – Bild: Aljosa Petric

Versuch 1 im Februar: Hochzeitshaus Karlsruhe

Das Hochzeitshaus in Karlsruhe ist riesig. Die Verkäuferin bringt uns zu unserer Umkleide und ich bin gleich erstmal enttäuscht: Uns wird kein Sekt angeboten. Bekommt man hier wohl nur, wenn man sein Kleid findet. Dann trinken wir halt Wasser und Kaffee. Um uns herum überall Kleider in verschiedenen Weiß-Tönen. Ein Mädchen-Wunderland aus Tüll. Am liebsten möchte ich sofort losrennen und alle Kleider anfassen. Das ist hier aber nicht erlaubt. Die Verkäuferin fragt mich nach meinen Wünschen und sucht daraufhin Kleider für mich heraus. Also erzähle ich ihr alles, was ich bis dahin weiß: „Ich suche ein schlichtes, langes Kleid. Keine Prinzessin. Kein Mermaid. Kein Godet. Kein Empire. Kein Glitzer. Kein Reifrock. Es soll nicht zu schwer sein. Und unser Budget liegt bei maximal 1.500 Euro.“ Allein über die verschiedenen Schnitte könnte man eine Klausur schreiben. Sehr kompliziert alles für jemanden, der mit langen Kleidern bisher nichts zu tun hatte. Aber die Verkäuferin spricht natürlich meine Sprache und bringt mir ein Kleid nach dem anderen in die Kabine. Sie hat meine Anweisungen genau befolgt und doch fühle ich mich in 80% der Kleider unwohl. Leider durfte man in diesem Laden keine Fotos machen, sonst könnte ich euch zeigen warum. Viele der langen, fließenden, leichten Kleider haben mich aussehen lassen, als wäre ich noch kleiner. Und wenn der Rock unten auf der Hüfte erst breiter wird, sieht es aus, als hätte ich kurze Stummelbeinchen. Und was ich vorher auch nicht wusste: Grobe Spitze steht mir gar nicht.

Schließlich bringt mir die Verkäuferin ein romantisches Prinzessinnenkleid mit Corsage. Der Tüllrock ist mit kleinen Punkten verziert und als Highlight binden wir einen Seidengürtel in altrosa um die Hüfte. Oh ja. Ich merke wie sich mein Körper von allein aufrichtet und ich anfangen muss zu lächeln. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl: In die Richtung könnte es gehen. Allerdings ist mir das Kleid vom Gewicht her zu schwer. Und der Stoff fühlt sich nicht besonders hochwertig an. Das ist es noch nicht. Aber meine Begleiterinnen und ich sind uns einig: in die Richtung könnte es gehen. Bye bye fließendes Kleid. Es wird wohl eher nichts Schlichtes. Erste Lektion gelernt: Fotos reichen nicht. Am Körper muss man es spüren.

Versuch 2 im April: Rena Sposa, Stuttgart

Mit dem Wissen der ersten Anprobe habe ich weiter recherchiert – nach Kleidern, die mir gefallen könnten. Einen Oooooh-Moment hatte ich, als ich im Netz eine Ballet-Brautkleid-Fotostrecke entdeckt habe mit einem romantischen Kleid mit Volant-Rock. Das ist es!! Ein leichtes Kleid mit einem mehrstufigen Rock. Wie früher, als ich Fee spielen wollte. Leicht und doch viel Stoff, romantisch verspielt. Ich finde Kleider, die mir in dieser Richtung gefallen könnten bei den Marken Watters und Enzoani. Deshalb vereinbare ich den nächsten Termin bei einem Brautladen in Stuttgart, der diese Marken führt. Diesmal ist nur meine Mama dabei. Auf dem Weg nach Stuttgart bitte ich sie darum, mich mit ihrer Meinung bestmöglich zu unterstützen. Nur einen Satz bitte ich sie sich zu verkneifen: „Willst du nicht doch ein kurzes Kleid anprobieren?“ Sie hatte mir vorher schon gesagt, dass sie sich nur schlecht ein langes Kleid an mir vorstellen kann. Aber das mit dem langen Kleid hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Das stand fest.

Im Rena Sposa darf man Fotos machen und Kleider selbst aussuchen. Gleich zwei Dinge, die mir viel besser gefallen. Auch, dass das Geschäft deutlich kleiner und familiärer ist, mag ich sehr. Ein großer Raum voller unterschiedlicher Traumkleider.

Gemeinsam suchen wir ca 6 Kleider aus und es geht los. Ein Kleid hat es mir besonders angetan, weil es den Kleidern ähnelt, die ich im Netz gefunden habe: Extravaganter Volant-Rock, Herzausschnitt, kurze Corsage, keine Träger, ultra romantisch. – Marke: Watters. Ich verschwinde mit der Verkäuferin hinter einem großen Vorhang, während es sich meine Mama auf der riesigen Couch davor gemütlich macht.

Meine Beraterin fragt mich mit welchem Kleid ich anfangen möchte und ich sage: „Mit dem von Watters – mit dem schönsten. Dann kann ich mir meinen Traum gleich abschminken, falls es mir nicht steht.“ Keine Ahnung warum das aus meinem Mund kommt. Irgendwie habe ich Angst: Dieses Kleid ist einfach zu schön für diese Welt. Es kann unmöglich gut an mir aussehen. Und doch ist da dieses kleine Fünkchen Hoffnung, dass es – falls es doch passen sollte – DAS Kleid sein könnte.

Ich hebe die Arme, die Beraterin wirft mit gekonnt das Kleid über, fixiert es hinten mit zwei Klammern an meinem Körper damit es passt und der Vorhang geht auf. Noch bevor meine Mama irgendwas sagen kann. Noch bevor ich mich im Spiegel sehe, habe ich ein unbekanntes Kribbeln im Bauch. „Wow,“ sagt meine Mama. „Dir stehen tatsächlich lange Kleider. Das bist genau du. Wie ich dich immer gekannt habe.“ Und endlich sehe ich es auch. Ein luftiger, langer Traum in Ivory. Durch den stufigen Volant-Rock wirke ich in diesem Kleid nicht zu klein – sondern genau richtig. Vergessen sind die Kleider, in denen ich daherkam. Meine Augen leuchten und ich kann nicht mehr aufhören zu grinsen. „Es passt ja doch,“ stammel ich. Und die Beraterin lacht: „Klar, das ist genau dein Schnitt.“ Und das ist es. Macht euch keine Gedanken über die Größe, die im Kleid steht oder darüber, was nicht gut aussieht. Es gibt Kleider für jede Figur. Man muss sie nur finden. Und das ist schwer genug.

Das Kleid liegt angenehm auf der Haut, ich tanze von rechts nach links durch den Raum und es fühlt sich einfach genau richtig an. Wir stoßen mit Sekt an und es geht weiter.

Aber nur ein Kleid anprobieren, wäre ja öde. Also ziehe ich auch noch ein paar andere Kleider an, die mich immer wieder bestätigen: Selena von Watters. DAS ist mein Kleid. In den anderen wirke ich mal klein, mal breit, mal sind sie mir einfach zu schlicht.

Und tadaaaa: Ich bin tatsächlich zur Prinzessin mutiert! Wir konnte das passieren? War ich das vielleicht insgeheim schon immer? Und wollte es nur nicht wahrhaben? Meine Mama würde jetzt sicher rufen: „Ja.“ Aber im Grunde tut es nichts zur Sache. Wichtig ist nur dieses einzigartige Gefühl im Herzen und im Bauch. Darauf gilt es zu hören.

Am Ende ziehen wir „Selena“ noch einmal an – zur Sicherheit – und schon grinse ich wieder mit mir selbst um die Wette. Nur eine Sorge habe ich: Könnte mir das Kleid auf Dauer zu schwer werden? Ich bitte die Schneiderin um Rat und sie zeigt mir, dass man ohne Probleme einige Lagen Stoff aus dem Kleid herausnehmen kann, ohne dass es seine Form verliert. Puh. Perfekt!

Aber einmal drüber schlafen – das muss drin sein. Außerdem haben wir am nächsten Tag noch einen Termin. Gleich danach will ich mich bei „Rena Sposa“ melden, damit sie mir das Kleid bestellen und anfertigen lassen.

2CA88303-E773-49DE-8340-03D2336F2834
Kann man sehen, wenn eine Braut „ihr“ Kleid gefunden hat? Ich denke ja!
EAE99A76-62CF-47C3-966C-00305377C0AF
Und zwar auf den ersten Blick… im Vergleich zu den anderen Kleidern

Versuch 3 im April: Jolie in Bruchsal

Das Jolie in Bruchsal ist ein echter Kitschtraum für Vintage-Bräute. Zu Beginn meiner Brautkleidsuche war ich sicher, hier etwas zu finden. Hier gibt es Kleider von Küss die Braut und Anna Cara. Viel Spitze und leichte Stoffe. Alles was das Boho-Herz begehrt. Nur bin ich zu diesem Zeitpunkt ja längst auf dem Prinzessinnendampfer unterwegs. Ob ich da noch etwas finden kann?

Im Geschäft fühl man sich, als wäre man in eine romantische „Dawanda-Welt“ eingetaucht. Schöne Altbau-Räume, nostalgisch eingerichtet. Die Möbel und die Bilder an der Wand sind allerdings nicht wirklich alt. Irgendwas ist unstimming. Eine Freundin und meine Mama sind dabei und letztere fällt ihr Urteil als Designerin schnell: Die Einrichtung geht ihrer Meinung nach gar nicht. Ganz so drastisch sehe ich es nicht, ist aber auch egal, denn wir wollen ja Kleider shoppen und nicht einziehen. Ein drittes Mal erzähle ich der Beraterin was ich suche. – Auch, dass ich inzwischen einen weiten Tüllrock wünsche. Und, dass das Kleid bitte nicht zu schlicht und fließend sein soll, weil mir das leider nicht steht.

Wir laufen durch den Raum mit Kleidern und es ist gar nicht so einfach: Lauter Kleider, die ich mir toll an anderen Frauen vorstellen kann. Aber nicht mehr an mir. Genau zwei Kleider schaffen es in die engere Auswahl. Ein paar andere ziehe ich an um zu sehen, ob es nicht doch etwas sein könnte. Aber nein. Könnte es nicht. Die zwei Prinzessinnenkleider durfte ich euch leider auch nicht fotografieren. Eins davon hätte mir dann doch noch fast mein Herz gestohlen. Wenn Selena da nicht schon einen festen Platz drin gehabt hätte. Hier hatte meine Beraterin aber auch nicht gut aufgepasst. Ich ziehe den Tülltraum in Champagner an und tanze in den Raum hinein. Und wir sind uns einig, dass es wirklich toll aussieht – sehr viel Tüll und dabei sehr hochwertig gearbeitet. Toller Stoff, genialer Schnitt. Und als ich die Beraterin frage, was es denn kostet, wird ihr blass um die Nase. Denn das Kleid sieht nicht nur hochwertig aus. Es ist auch noch von einem teuren Designer – Spose di Gio. Und soll eigentlich 4000 Euro kosten. Ich lache und denke mir: Wie praktisch, die Entscheidung ist gefallen. Auch wenn sie mir mit dem Preis noch etwas entgegenkommen wollen, merke ich, dass es das einfach nicht ist. Das Gefühl kommt einfach nicht an das heran, was ich am Tag zuvor in Stuttgart empfunden habe. Wir verlassen den Laden, ich zücke mein Handy und schaue mir das Bild von mir in „Selena“ noch einmal genau an und sage: „Das ist es. Und sonst nichts.“

5DB2B88F-BDF6-4DFC-989A-278079A6671A
Nach der Entscheidung in „meinem“ Kleid: Die Volants sind und bleiben für mich das Highlight
IMG_1660
Details: Die Blumen am Rücken

Die Entscheidung und das Wiedersehen mit dem Kleid

Völlig glücklich rufe ich in Stuttgart an und verkünde meine Entscheidung für das Kleid „Selena“. Die Chefin am Telefon freut sich mit mir gemeinsam und verspricht das Kleid zu bestellen. Geschafft! Da ich mich innerhalb weniger Tage entschieden habe, bekomme ich Rabatt auf das Kleid und zahle am Ende ca 1100 Euro dafür. Hinzu kommen am Ende natürlich noch die Änderungen. Und die Accessoires. Dafür komme ich an einem späteren Termin wieder. Schuhe finde ich hier leider nicht. Aber eine kleine Tasche, die ich mir in unserer Hochzeitsfarbe Lagune einfärben lasse. Es ist ein tolles Gefühl wieder in dem Laden zu stehen: Mitten zwischen den vielen Kleidern, die mit Sicherheit andere Bräute glücklich machen werden. Manchmal träume ich ganz heimlich davon, nebenher auch Kleider zu verkaufen. Und die wahren Wünsche der Bräute zu verstehen. Ich quetsche die großartige Verkäuferin über ihren Job aus und sehe endlich das Kleid wieder. Beziehungsweise ich lerne MEIN Kleid kennen. Extra für mich gefertigt. Dazu darf ich alle Jäckchen, Boleros, Handschuhe und Haarteile anprobieren. Sogar einen Schleier probiere ich an, um mich dann – wie erwartet – dagegen zu entscheiden. Auch wenn manche Berater bei „Tüll und Tränen“ im Fernsehen behaupten: Ohne Schleier ist man keine echte Braut. Ich sehe das anders. Ich finde Schleier bei anderen manchmal schön. Aber ich persönlich hätte mich damit nur verkleidet gefühlt. Wieder so ein Shopping-Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ich habe mich in dem Laden wirklich top beraten gefühlt und die Verkäuferinnen haben mit mir gestrahlt. Es war als würde man mit Freunden shoppen gehen, die viel mehr Ahnung von Mode haben als man selbst. Und die einem dadurch unbezahlbare Tipps geben können – bis ihr euer Kleid gefunden habt.

fullsizeoutput_be5c
Damit das Kleid leichter wurde, haben wir einige Lagen Tüll entfernt.
fullsizeoutput_b680
Das Änderungskonzept der Schneiderin: Alles wurde auseinander genommen.

Änderungen

Ein letzter Schritt fehlt noch, bis ich mit dem Kleid auf meiner eigenen Hochzeit tanzen kann. Es muss mir noch passen. Bestellt haben wir das Kleid im April. Ende Juli ist es endlich da. Ende August ist der Termin bei einer Schneiderin, die mit dem Hochzeitsgeschäft kooperiert. Im April hätte es sein können, das mir das Kleid am Ende eine Nummer kleiner passt. Aber genau weiß das keiner. Und ich wollte nicht am Ende vor der Hochzeit hungern müssen, um ins Kleid zu passen. Was für ein schrecklicher Gedanke! Also habe ich das Kleid größer bestellt und wusste: Da ist noch einiges dran zu nähen. Aber Brautkleider müssen zu 99 Prozent geändert werden. Fast niemand trägt Standardgröße.

Als ich im August endlich auf dem Weg nach Stuttgart für den Termin zum Abstecken bin, werde ich angerufen, weil meine Schneiderin einen medizinischen Notfall hat. Der Termin bei ihr kann nicht stattfinden. Da die Verkäuferinnen im Geschäft wissen, dass ich von weit her komme und bald heirate, helfen sie sofort. Sie setzen alle Hebel in Bewegung und besorgen mir einen Termin bei einer anderen Schneiderin ihres Vertrauens. Sie schiebt mich dazwischen. Ich habe nicht einmal Zeit mir Sorgen darüber zu machen. Völlig untypisch für mich, denke ich einfach: Das muss jetzt klappen. Zusammen mit meiner Mutter gehe ich in das Atelier von Johanna Beerwerth. Urig eingerichtet und verwinkelt. Man merkt, dass Frau Beerwerth viel zu tun hat. Trotzdem nimmt sie sich Zeit und nimmt mir meine Aufregung. Schnell ist klar: Das Kleid wird proportional gekürzt, damit der Stil der Volants nicht verloren geht. Außerdem wird es an allen Seiten aufgetrennt und genau auf mich angepasst. Damit ich es am Tag der Hochzeit ohne BH tragen kann und keine Angst haben muss, dass es rutscht. Ich bewundere diese Schneider-Arbeit wirklich sehr. Das Kleid wird an allen Seiten abgesteckt und sie gibt mir noch wertvolle Tipps zum Styling. Meine Angst verwandelt sich langsam in Vorfreude.

fullsizeoutput_b683
Endlich in der passenden Größe und Länge

Wenige Tage später komme ich mein Kleid anprobieren. Wir haben extra mehr Zeit eingeplant, denn normalerweise gibt es eine zweite Anprobe und später den dritten Termin zur Abholung. Aber weil ich aus Karlsruhe nach Stuttgart komme, habe ich vorher darum gebeten, es am nächsten Termin abholen zu können. Die Auszubildende der Schneiderin hilft mir ins Kleid, erklärt mir wie ich es am Tag der Tage anziehe und wie ich allein auf die Toilette gehen kann. (Ich hatte vorher schon Angst, dass es nicht gehen würde.) Außerdem zeigt sie mir die Knöpfe, mit denen ich die Schleppe hochstecken kann. Frau Beerwerth begutachtet mich von allen Seiten und stellt fest, wo die Anpassungen noch optimiert werden müssen. Ich hätte es nicht gemerkt. Gut, dass sie vom Fach ist. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben. Daraufhin setzte ich mich ins Café an der Ecke, wo Raphael auf mich wartet und trinke einen Milchkaffee. Es passt genau: Als ich den letzten Schluck nehme, ruft die Schneiderin an und sagt, dass sie nun fertig ist.

Endlich kann ich mein Kleid mit nach Hause nehmen! Wir verpacken das Kleid in einen blickdichten Kleidersack und es fährt mit nach Karlsruhe. – Um auf seinen großen Auftritt zu warten. Dann erst wird Raphael es kennenlernen.

Showtime für das Kleid
Glück.

Real Love

Ich wusste vorher nicht, dass ich Liebe für ein Kleid empfinden kann. Aber es muss Liebe sein. Bis zur Hochzeit habe ich es immer wieder anschauen und bewundern müssen. Wollte seine Volants sortieren und mit dem Tüllrock kuscheln. Mit Schmetterlingen im Bauch und Herzchen in den Augen. Weil es mein Traumkleid ist.

fullsizeoutput_b7f2
Das Kleid durfte auch in der Aachener Innenstadt posieren.

Tipps:

  • Vorab: Pinterest und Zeitschriften bieten endlose Möglichkeiten an Inspiration, was Brautkleider angeht. Es ist gut und wichtig sich vorher darüber Gedanken zu machen, wie das Traumkleid aussehen soll: Länge, Stoff, Schnitt. Dennoch sehen Kleider an einem selbst am Ende oft ganz anders aus. Gebt euch dem eigenen Erfahrungsprozess hin und bleibt offen. Hauptsache ist doch, dass ihr am Tag der Tage strahlt.
  • Fakt ist: Brautkleider sind aufwendig genäht, benötigen viel Stoff und sind daher logischerweise teuer. Überlegt euch vorher genau, wieviel ihr ausgeben wollt und was euch wichtig ist. Zum Beispiel: Wo wird das Kleid produziert, welche Stoffe werden verwendet…
  • Wenn ihr sparen wollt, sind gebrauchte Brautkleider eine gute Option: Deutlich günstiger, nur einmal getragen und wenn ihr es für euch kürzen lasst, ist so ein Kleid wie neu. Sowohl bei ebay Kleinanzeigen als auch in richtigen Second Hand Brautläden gibt es viel Auswahl. Nur bei der Größe muss man Glück haben.
  • Rabatte: Oft gibt es in Brautgeschäften Rabattaktionen, wenn neue Kollektionen kommen. Auch auf die Ausstellungsstücke bekommt man häufig Prozente. Außerdem kann man auf Hochzeitsmessen Kleider günstiger bekommen. In meinem Geschäft gab es außerdem Rabatt, wenn man sich schnell (innerhalb von 3 Tagen) für ein Kleid entscheidet.
  • Vereinbart eure Termine in den Brautgeschäften mindestens 5 Monate vor der Hochzeit, damit ihr Auswahl habt. Wenn ein Kleid in eurer Größe bestellt werden muss, dauert das oft 3-5 Monate. So war es auch bei mir.
  • Die Chemie mit den Brautberatern ist das A und O. Wenn ihr euch unwohl fühlt oder den Eindruck habt, der Berater versteht nicht, was ihr euch wünscht, dann ist es einfach nicht das richtige Geschäft für euch. Fühlt euch nicht unter Druck gesetzt. Es geht um euren großen Tag.
  • Überlegt euch genau, wer zur Anprobe mitkommen darf. Die Meinung von Vertrauten ist wichtig, aber viele Meinungen können einen verwirren. Und das Bauchgefühl trüben. Ich persönlich würde maximal drei Personen mitnehmen zum Brautkleid-Kauf. Denkt immer daran: Das soll EUER Kleid werden und nicht das der besten Freundin, Trauzeugin oder Mama. Jeder hat einen eigenen Geschmack und wenn ihr in eurem Kleid erstrahlt, weil es das richtige ist, dann werden das alle bemerken. Versprochen.

20171001-IMG_0275

Bilder: Martin Permantier, Tomek Wozniakowski, Aljosa Petric, Babette Permantier, Raphael Pi Permantier

Blogparade: Neustart nach dem Studium – Wo kann man am besten leben und arbeiten #awaywego

Mein Geburtsort: Santiago de Chile. Mein Lieblingsort auf der Welt: Valparaiso, Chile. Aufgewachsen in: Aachen. Studium und Lieblingsort in Deutschland: Köln. Aktueller Wohnort: Karlsruhe

Wenn man mir das vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich mal in Karlsruhe leben würde, hätte ich laut gelacht. Ich? Weg aus der Nähe von Köln? Weg aus NRW? Niemals. Und dann kam alles anders. In der Blogparade von Marie zum Thema #awaywego tauschen wir uns dazu aus: Warum ist es die Wahlheimat geworden? Und ist sie auch eine Heimat?

Als mich meine Snapchat Freundin Marie von Studentenagenten gefragt hat, ob ich an ihrer Blogparade teilnehmen möchte, war ich sofort begeistert. Auch wenn mir das Thema „weggehen“ noch immer einen Stich ins Herz bohrt. Köln. Wenn ich an diese eine – meine Lieblingsstadt denke, wird mir wohlig warm ums Herz und ich würde am liebsten sofort Umzugskartons packen. Und trotzdem bin ich nach dem Studium nach Karlsruhe gezogen. Marie steht jetzt an genau diesem Punkt. Schon vor einem halben Jahr haben wir bei Snapchat (Nickname atheanie und marie.graener) darüber diskutiert, wo man gut leben kann und warum. Und ob der Moment nach dem Studium genau der richtige für einen Neustart ist. – Ein Reset in einer neuen Umgebung für einen neuen Job. Natürlich ist die Antwort auf die Frage, ob man weggehen sollte, für jeden eine andere. Deshalb diskutieren wir jetzt alle gemeinsam. Also falls ihr auch am Start seid, sagt Marie oder mir unbedingt Bescheid und postet einen Link zu eurem Post unter diesen.

IMG_0305
Lieblingsstadt auf der Welt: Valparaiso

Die Ausgangslage: Welchen Job will ich wirklich?

Ich habe Sozialwissenschaften auf Diplom in Köln studiert. Damit kannst du alles und nichts machen. Auf den ersten Blick fand ich diese Freiheit sehr charmant. Ich konnte mich nach der Schulzeit eh nicht entscheiden, welchen Job ich (womöglich für immer) machen möchte. Eine Mischung aus Politik, Wirtschaft und Soziologie fand ich super und ich denke, ich würde wieder genau das studieren wollen. Und irgendwann in diesen bunten WG-Jahren in Köln stand ich plötzlich im Studio des Hochschulradios „Kölncampus“ und habe angefangen Radio zu machen und zu lieben. Wer weiß, ob ich in einer anderen Stadt, in einem anderen Studiengang jemals zum Radio gekommen wäre. Hätte hätte… Fahrrad..

Also stand ich am Ende meines Studiums da. War viel gereist. Habe im Ausland gelebt, Praktika bei Zeitungen und Sendern gemacht und auf einmal wurde mir klar: Ich möchte Journalistin und Moderatorin sein und zum Radio. Und wenn ich das mit dem Radio wirklich will, muss ich ein Volontariat machen. Das ist die Redakteursausbildung im Rundfunk. An dem Punkt habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich vielleicht nicht für immer in Köln bleiben kann. Mein Arbeitgeber im Volo war in Iserlohn. Also habe ich mir einen alten kleinen Corsa gekauft und Kilometer gemacht, um so oft wie möglich in Köln zu sein. Wenigstens am Wochenende. Das war stressig, aber absehbar, denn nach 1,5 Jahren hatte ich das Volo-Zeugnis in der Tasche und stand vor der viel größeren Frage: Und wohin jetzt?

Ach Köln

Der erste richtige Job nach dem Studium

Ich sag es euch gleich: Meine Entscheidung fiel am Ende zugunsten des Jobs. An der Stadt knabbere ich bis heute.

Nach dem Volo habe ich mich bei einigen Sendern in ganz Deutschland beworben: jetzt oder nie, hab ich gedacht. Denn ich wollte gern einen Sender finden, wo ich Moderatorin und Redakteurin sein darf und mich darauf verlassen kann, dass ich von meinem Gehalt gut leben kann. Und ich glaub, viele kennen das: Sobald man einige Ansprüche an den Job hat, wird es schwierig sich auch noch den Ort dazu auszusuchen.

Ich hatte am Ende die Wahl: freie Reporterin in Köln maximal zehn Tage im Monat oder ca. 20 Tage im Monat Redaktion und Moderation in Baden-Baden bei DASDING vom SWR. Anfangs bin ich noch hin und her gereist und dachte, ich könne beides unter einen Hut bekommen. Aber dafür bin ich einfach nicht gemacht. Die Würfel waren gefallen und es hat sich einfach richtig angefühlt: #awaywego. Auf in den Südwesten.

IMG_0020
Sonnenaufgang in Karlsruhe. Vom Turmberg in Durlach aus bewundert

Karlsruhe, warum bist du … nicht wie Köln?

Nach einem kurzen Abstecher nach Baden-Baden bin ich dann mit meinem Freund (inzwischen Verlobten) nach Karlsruhe in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen und hier leben wir bis heute. Ihn habe ich übrigens in Baden-Baden kennengelernt.

Und obwohl ich mir mit meiner Entscheidung für den Job sicher war und bin, werde ich mit Karlsruhe einfach nicht warm. Ich weiß: Karlsruhe kann nichts dafür. Nüchtern betrachtet, ist das eine Stadt mit toller Lebensqualität: Am alten Schlachthof kann man sich fühlen wie in Berlin, am und hinterm Schloss ist es grüner als in Köln, am Rhein gibt es hier sogar ein Freibad, die Wege sind generell kurz, man kann theoretisch überall mit dem Rad hinfahren, im Gegensatz zu Aachen gibt es hier sogar Straßenbahnen… Wir wohnen in einer schönen Altbauwohnung, die wir in Köln nie bezahlen könnten…

Lieblingsort zu Hause in Karlsruhe: Bett mit Durchblick durch die Wohnung

Aber so ist das ja leider häufig mit der Liebe: Sie ist nicht rational. Köln hat mich mit seiner schnodderigen, herzlichen Art gepackt. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich mich Freitagabends danach sehne in Köln von Kiosk zu Kiosk zu tingeln und mir ein Wegbier nach dem anderen zu holen. Aber die Frage ist: Hätte ich daran heute überhaupt noch Spaß? Wer weiß.

Wer arbeitet, hat es schwerer neue Freunde zu finden.

Wenn man arbeitet, lernt man weniger Menschen kennen. Im Studium sind alle auf der Suche nach neuen Menschen. Und jedes Wochenende gab es eine WG-Party. Damals hat sich das von alleine ergeben.

Und heute? Klar: Kollegen lernt man kennen und Freunde von Kollegen. Aber wenn man nicht gerade ein soziales Hobby hat, wird es schwierig. Und wenn man sich immer nur mit Menschen von der Arbeit trifft, drehen sich die Gespräche oft um die Arbeit. Trotzdem muss ich sagen: Es hat Kraft und Mut gekostet. Aber ich habe hier einige gute Freunde gefunden. Mit der Zeit.

Die Zeit in Köln verbinde ich natürlich auch mit den Menschen, mit denen ich dort gelebt und viel Zeit verbracht habe. 90 % von denen, wohnen allerdings seit längerem gar nicht mehr in Köln. Meine Erinnerung verklärt einen Zustand, der gar nicht mehr wiederhergestellt werden könnte. Traurig aber wahr. Gut, das mal aufzuschreiben. Vielleicht verstehe ich es so auch endlich.

20170408-IMG_9853
Das Schloss in Karlsruhe

Was hat Karlsruhe zu bieten – und was nicht?

Fangen wir mit dem an, was mich am meisten nervt: In den Parks hier darf man nicht grillen. Das ist sogar mit der Zeit noch schlimmer geworden. Jetzt gibt es in Karlsruhe nur noch ganz vereinzelt offizielle Grillplätze (keine Wiese) und die sind nicht im Zentrum. Grillen gehört für mich zum Sommerfeeling einfach dazu – ganz egal was man da auf den Grill legt. In Köln war der Aachener Weiher mein Garten, weil ich direkt um die Ecke gewohnt habe. Wir waren im Sommer alle zwei Tage da, um zu grillen und mit Aussicht auf den trüben Weiher und die Straßenbahnen über das Leben zu sinnieren.

Shoppen kann man in Karlsruhe auch nicht: Im Einkaufszentrum „Ettlinger Tor“ gibt es nur 0815 Geschäfte und auch sonst kann man die kleinen außergewöhnlichen Geschäfte mit der Lupe suchen. Der Minette Concept Store ist die Ausnahme von der Regel, denn der ist wirklich toll.

20170426-imm029_28
Karlsruhe sieht manchmal aus wie aus einer anderen Zeit

Aber wenn man von diesen zwei Punkten absieht, kann Karlsruhe einiges. Hier nur ein paar meiner Lieblingsaspekte.

Der Markt auf dem Gutenbergplatz gibt einem samstags das Gefühl, dass die Welt noch in Ordnung ist und, dass die Menschen viele Kinder bekommen. Zu einem Barista-Kaffee von Bono kann man da in der Sonne stehen, sinnieren und französische Croissants frühstücken.

Das Freibad „Rappenwörth“ liegt direkt am Rhein und erinnert an andere Zeiten. Das frühere Rheinbad ist noch erhalten und in das Gelände integriert. Da kann man zwar nicht mehr drin schwimmen, aber sich vorstellen wie es früher war.

Im Sommer lässt sich die Stadt immer wieder etwas einfallen: Als Karlsruhe 300 geworden ist, wurde das groß gefeiert. Es gab viele Events, ein eigenes Duschgel bei DM (kein Scherz) und Lichtspiele, die auf das Schloss projiziert wurden. Weil das 2015 so gut gelaufen ist, gibt es die Lichtspiele diesen Sommer zum dritten Mal.

Und in diesem Jahr standen vor dem Schloss auf einmal zwei Riesenräder. – Zum Jubiläum „200 Jahre Fahrrad“ sind die da aufgestellt worden und von oben hatte man wirklich einen genialen Blick über Karlsruhe.

Bei uns um die Ecke gibt es seit neustem ein süßes, gemütliches Café, das unsere Nachbarin eröffnet hat: Lottis Traum. Eins der Cafés, wo man stundenlang sitzen möchte, weil das Ambiente einfach stimmt und der Kaffee auch. Neben der Perlbohne in der Innenstadt eins der wenigen Cafés, die mich in Karlsruhe überzeugen konnten.

Am alten Schlachthof finden jedes Wochenende Partys und Konzerte statt. Also diese Stadt kann definitiv Kultur.

Glücksmoment in Karlsruhe. Gut, dass wir den festgehalten haben.

Ich glaube Karlsruhe und ich, wir haben uns arrangiert. Für den Moment. Denn die Mischung aus Arbeit und Leben ist hier einfach gut: Vor allem, weil ich hier mit Raphael leben kann.

Langfristig wünsche ich mir allerdings schon wieder nach NRW zu ziehen. Und damit näher zu meiner Familie und natürlich nach Köln. Aber nicht jetzt. Irgendwann. Das hat Zeit.

Wie ist das bei euch? #awaywego

Was hat euch dazu bewegt da zu leben, wo ihr jetzt seid? Oder seid ihr auch gerade in der Findungsphase wie Marie?

Fotos: Raphael Timm  & Athene Pi Permantier

Ein Sonntag im Mai in Karlsruhe: Alter Schlachthof

Der Sonntag hat sich schön gemacht: Die Sonne scheint, es ist 26 Grad warm und wir sausen in kurzer Hose auf dem Rad quer durch Karlsruhe. – Zum „Alten Schlachthof“, denn da ist Tag der offenen Tür.

Die Haare fliegen, das Leben fühlt sich leicht an. Es ist der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich die Wärme so wahrnehme. Ich grinse mit mir selbst um die Wette, strahle jeden an, der mir auf dem Rad entgegenkommt und will damit sagen: “ Ist dieser Tag nicht perfekt? Sollte es nicht immer genau so sein?“ Natürlich nicht, denn dann wäre es nichts besonderes mehr. Aber an Tagen wie diesen kann ich mich in meiner Stadt, zu Hause wie im Urlaub fühlen. Es ist ja auch eine Art Mini-Urlaub. Es ist das erste freie Wochenende seit langen. Das macht diesen Moment zum Glück zum Quadrat. Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo ich gerade lieber wäre. Das alte graue Fahrrad fährt noch – es hat immerhin drei Gänge. Der Wind lässt die Beine spüren, was sie so lange vermisst haben: Freiheit und Luft.  Über den Winter hatte ich ganz vergessen, wieviel besser es sich in kurzer Hose lebt.

Wir machen einen Ausflug und landen am „Alten Schlachthof“, denn da ist heute Tag der offenen Tür. Die Büro-Gemeinschaften, Cafés und Clubs haben alle geöffnet, um uns zu zeigen was sie normalerweise arbeiten. Ich war bisher noch nie in der Gegend und fühle mich auf dem alten Gelände wie in Fancy-Hausen. Lauter alte Schlachthof-Gebäude, die umgebaut worden sind zu Orten, wo Menschen jeden Tag arbeiten. In der alten Hackerei zum Beispiel erinnern die Kacheln an der Wand noch daran, was da früher einmal gemacht worden ist. Heute finden hier Partys und kleine Konzerte statt. In manchen Gebäuden ist die Essenz der Architektur erhalten geblieben und daneben sind neue Elemente eingezogen worden, damit da Menschen kreativ werden und arbeiten können. – In Containern zum Beispiel.

Auch ein Autor von Surfbüchern hat in einem solchen Gebäude zum Beispiel seinen Schreibtisch stehen und tippt seine Texte, wenn er nicht gerade an der Algarve surfen ist. Ich bin begeistert auf wieviele tolle Ideen Menschen kommen, um alte Räume mit Geschichte so zu modernisieren, dass der Charakter erkennbar bleibt und trotzdem wirkt auf einmal alles urban und modern.

Die Zeit rennt, wir sind stundenlang über das Gelände flaniert, haben Unmengen Kaffee, Eis, Pommes und andere Schweinereien genossen und dann, als es vorbei hätte sein können, haben wir uns in ein Café gesetzt. Einfach so. Wir saßen in der Sonne, bis es spät war. Und es war perfekt. Das war einer dieser Momente, wo das Glück kurz greifbar war.

Heute habe ich Karlsruhe von einer neuen Seite kennengelernt. Dafür bin ich dankbar. Die Schönheit in den Dingen, die so naheliegend sind, beeindruckt mich besonders.

Foto: Raphael Timm

Karlsruhe – Baden-Baden: Von der Sonne wachgeküsst

Als ich morgens, gegen 6:20 das Haus verlasse, wird es langsam hell und die Straßenlaternen gehen aus. Vögel zwitschern und es riecht nach Pflanzen und Bäumen: Frisch, süß und hoffnungsvoll. Dieser verheißungsvolle Frühlingsduft, der verspricht: Heute könnte es zauberhaft werden. Der Tag liegt noch vor dir. Mach was draus.

Noch ist es kühl, im Auto läuft das Radio und auf der Autobahn rollen die LKW fleißig hintereinander her.

Auf einmal trifft mich die Mörgenröte unverhofft von der Seite. Erst rosa, dann orange und so kraftvoll, wie es kein Smartphonefilter hinbekommen könnte. Die Sonne klettert am Horizont in die Höhe. Sie strahlt mit sich selbst um die Wette, ist greller und schöner als ich sie in Erinnerung habe. Sie flirtet mit mir – ich habe dieses Kribbeln im Bauch.

Sie lacht mich an und ich habe das Gefühl, dass dieser Moment nur uns gehört: Der Sonne und mir. Mein Gesicht wird warm und hell. Und ich lächle vor mich hin. Irgendwo zwischen Karlsruhe und Baden-Baden.

Auf einmal läuft im Radio „Don’t stop me now“ von Queen und alles fügt sich zusammen. Ich habe das Gefühl, ich muss platzen vor Glück. Das Auto fliegt mit mir über die Autobahn. Ich habe Rückenwind, vergesse die Zeit und könnte ewig weiterfahren. – Immer neben der aufgehenden Sonne her. Was für ein perfekter Moment. Am liebsten würde ich ihn festhalten, einfrieren, einschließen. Das ist für mich die Definition von Frühlingsgefühlen.

Das ist der erste richtige Frühlingsmorgen im Jahr 2016, am 21. April. Heute kann mir nichts passieren. Ich wurde von der Sonne wachgeküsst.

IMG_7248

P.S. Leider gibt es von dieser kleinen Affaire keine Bilder. – Ich saß ja im Auto. Falls ihr für die Stimmung trotzdem einen Sonnenaufgang sehen wollt: Der hier ist auch aus Karlsruhe. Vom Turmberg aus.