Wedding Diaries 11: How I said yes to my dress – der Kauf des Brautkleides

Der Kauf eines Brautkleides hat etwas Magisches. Ich glaube das liegt daran, dass man dabei komplett auf Herz und Bauch hören und den Kopf abschalten muss. Es ist wirklich so, wie sie erzählen: Kleid und Braut müssen sich finden. Und während dieses Prozesses habe ich viel über mich gelernt. Hier geht’s zu meinem persönlichen „Wow-Moment“.

Meine Knie zittern, als ich gemeinsam mit zwei Freundinnen auf dem Weg zum Hochzeitshaus in Karlsruhe bin. Dabei war ich vorbereitet: Wochenlang hatte ich Bilder gesammelt, Links gespeichert und mir überlegt wie das Brautkleid aussehen könnte. Und doch hatte ich keine Ahnung. Denn ich hatte noch nie ein langes Kleid an. Und hier beginnt das Spiel. Das Einzige, was ich sicher wusste, war: Ich wünsche mir ein langes Brautkleid, Farbe Ivory. (nicht reinweiß, sondern elfenbeinfarben)

Aber steht mir das überhaupt? In meinem Ausweis steht, dass ich 1,60 Meter groß bin. Und wenn ich ehrlich bin, dann sind es höchstens 1,59.

Würde ich ein Kleid finden, das bezahlbar ist, mir gefällt und mir auch noch gut steht? Es fühlt sich an, als wäre ich auf der Suche nach der perfekten Zahlenkombi für einen Lottogewinn. Und wir wissen ja alle, wie unwahrscheinlich es ist diese zu knacken.

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Mein Wunsch: Ein Kleid zum Tanzen, lieben, wohlfühlen. Hier trage ich es auf Gran Canaria – Bild: Aljosa Petric

Versuch 1 im Februar: Hochzeitshaus Karlsruhe

Das Hochzeitshaus in Karlsruhe ist riesig. Die Verkäuferin bringt uns zu unserer Umkleide und ich bin gleich erstmal enttäuscht: Uns wird kein Sekt angeboten. Bekommt man hier wohl nur, wenn man sein Kleid findet. Dann trinken wir halt Wasser und Kaffee. Um uns herum überall Kleider in verschiedenen Weiß-Tönen. Ein Mädchen-Wunderland aus Tüll. Am liebsten möchte ich sofort losrennen und alle Kleider anfassen. Das ist hier aber nicht erlaubt. Die Verkäuferin fragt mich nach meinen Wünschen und sucht daraufhin Kleider für mich heraus. Also erzähle ich ihr alles, was ich bis dahin weiß: „Ich suche ein schlichtes, langes Kleid. Keine Prinzessin. Kein Mermaid. Kein Godet. Kein Empire. Kein Glitzer. Kein Reifrock. Es soll nicht zu schwer sein. Und unser Budget liegt bei maximal 1.500 Euro.“ Allein über die verschiedenen Schnitte könnte man eine Klausur schreiben. Sehr kompliziert alles für jemanden, der mit langen Kleidern bisher nichts zu tun hatte. Aber die Verkäuferin spricht natürlich meine Sprache und bringt mir ein Kleid nach dem anderen in die Kabine. Sie hat meine Anweisungen genau befolgt und doch fühle ich mich in 80% der Kleider unwohl. Leider durfte man in diesem Laden keine Fotos machen, sonst könnte ich euch zeigen warum. Viele der langen, fließenden, leichten Kleider haben mich aussehen lassen, als wäre ich noch kleiner. Und wenn der Rock unten auf der Hüfte erst breiter wird, sieht es aus, als hätte ich kurze Stummelbeinchen. Und was ich vorher auch nicht wusste: Grobe Spitze steht mir gar nicht.

Schließlich bringt mir die Verkäuferin ein romantisches Prinzessinnenkleid mit Corsage. Der Tüllrock ist mit kleinen Punkten verziert und als Highlight binden wir einen Seidengürtel in altrosa um die Hüfte. Oh ja. Ich merke wie sich mein Körper von allein aufrichtet und ich anfangen muss zu lächeln. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl: In die Richtung könnte es gehen. Allerdings ist mir das Kleid vom Gewicht her zu schwer. Und der Stoff fühlt sich nicht besonders hochwertig an. Das ist es noch nicht. Aber meine Begleiterinnen und ich sind uns einig: in die Richtung könnte es gehen. Bye bye fließendes Kleid. Es wird wohl eher nichts Schlichtes. Erste Lektion gelernt: Fotos reichen nicht. Am Körper muss man es spüren.

Versuch 2 im April: Rena Sposa, Stuttgart

Mit dem Wissen der ersten Anprobe habe ich weiter recherchiert – nach Kleidern, die mir gefallen könnten. Einen Oooooh-Moment hatte ich, als ich im Netz eine Ballet-Brautkleid-Fotostrecke entdeckt habe mit einem romantischen Kleid mit Volant-Rock. Das ist es!! Ein leichtes Kleid mit einem mehrstufigen Rock. Wie früher, als ich Fee spielen wollte. Leicht und doch viel Stoff, romantisch verspielt. Ich finde Kleider, die mir in dieser Richtung gefallen könnten bei den Marken Watters und Enzoani. Deshalb vereinbare ich den nächsten Termin bei einem Brautladen in Stuttgart, der diese Marken führt. Diesmal ist nur meine Mama dabei. Auf dem Weg nach Stuttgart bitte ich sie darum, mich mit ihrer Meinung bestmöglich zu unterstützen. Nur einen Satz bitte ich sie sich zu verkneifen: „Willst du nicht doch ein kurzes Kleid anprobieren?“ Sie hatte mir vorher schon gesagt, dass sie sich nur schlecht ein langes Kleid an mir vorstellen kann. Aber das mit dem langen Kleid hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Das stand fest.

Im Rena Sposa darf man Fotos machen und Kleider selbst aussuchen. Gleich zwei Dinge, die mir viel besser gefallen. Auch, dass das Geschäft deutlich kleiner und familiärer ist, mag ich sehr. Ein großer Raum voller unterschiedlicher Traumkleider.

Gemeinsam suchen wir ca 6 Kleider aus und es geht los. Ein Kleid hat es mir besonders angetan, weil es den Kleidern ähnelt, die ich im Netz gefunden habe: Extravaganter Volant-Rock, Herzausschnitt, kurze Corsage, keine Träger, ultra romantisch. – Marke: Watters. Ich verschwinde mit der Verkäuferin hinter einem großen Vorhang, während es sich meine Mama auf der riesigen Couch davor gemütlich macht.

Meine Beraterin fragt mich mit welchem Kleid ich anfangen möchte und ich sage: „Mit dem von Watters – mit dem schönsten. Dann kann ich mir meinen Traum gleich abschminken, falls es mir nicht steht.“ Keine Ahnung warum das aus meinem Mund kommt. Irgendwie habe ich Angst: Dieses Kleid ist einfach zu schön für diese Welt. Es kann unmöglich gut an mir aussehen. Und doch ist da dieses kleine Fünkchen Hoffnung, dass es – falls es doch passen sollte – DAS Kleid sein könnte.

Ich hebe die Arme, die Beraterin wirft mit gekonnt das Kleid über, fixiert es hinten mit zwei Klammern an meinem Körper damit es passt und der Vorhang geht auf. Noch bevor meine Mama irgendwas sagen kann. Noch bevor ich mich im Spiegel sehe, habe ich ein unbekanntes Kribbeln im Bauch. „Wow,“ sagt meine Mama. „Dir stehen tatsächlich lange Kleider. Das bist genau du. Wie ich dich immer gekannt habe.“ Und endlich sehe ich es auch. Ein luftiger, langer Traum in Ivory. Durch den stufigen Volant-Rock wirke ich in diesem Kleid nicht zu klein – sondern genau richtig. Vergessen sind die Kleider, in denen ich daherkam. Meine Augen leuchten und ich kann nicht mehr aufhören zu grinsen. „Es passt ja doch,“ stammel ich. Und die Beraterin lacht: „Klar, das ist genau dein Schnitt.“ Und das ist es. Macht euch keine Gedanken über die Größe, die im Kleid steht oder darüber, was nicht gut aussieht. Es gibt Kleider für jede Figur. Man muss sie nur finden. Und das ist schwer genug.

Das Kleid liegt angenehm auf der Haut, ich tanze von rechts nach links durch den Raum und es fühlt sich einfach genau richtig an. Wir stoßen mit Sekt an und es geht weiter.

Aber nur ein Kleid anprobieren, wäre ja öde. Also ziehe ich auch noch ein paar andere Kleider an, die mich immer wieder bestätigen: Selena von Watters. DAS ist mein Kleid. In den anderen wirke ich mal klein, mal breit, mal sind sie mir einfach zu schlicht.

Und tadaaaa: Ich bin tatsächlich zur Prinzessin mutiert! Wir konnte das passieren? War ich das vielleicht insgeheim schon immer? Und wollte es nur nicht wahrhaben? Meine Mama würde jetzt sicher rufen: „Ja.“ Aber im Grunde tut es nichts zur Sache. Wichtig ist nur dieses einzigartige Gefühl im Herzen und im Bauch. Darauf gilt es zu hören.

Am Ende ziehen wir „Selena“ noch einmal an – zur Sicherheit – und schon grinse ich wieder mit mir selbst um die Wette. Nur eine Sorge habe ich: Könnte mir das Kleid auf Dauer zu schwer werden? Ich bitte die Schneiderin um Rat und sie zeigt mir, dass man ohne Probleme einige Lagen Stoff aus dem Kleid herausnehmen kann, ohne dass es seine Form verliert. Puh. Perfekt!

Aber einmal drüber schlafen – das muss drin sein. Außerdem haben wir am nächsten Tag noch einen Termin. Gleich danach will ich mich bei „Rena Sposa“ melden, damit sie mir das Kleid bestellen und anfertigen lassen.

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Kann man sehen, wenn eine Braut „ihr“ Kleid gefunden hat? Ich denke ja!
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Und zwar auf den ersten Blick… im Vergleich zu den anderen Kleidern

Versuch 3 im April: Jolie in Bruchsal

Das Jolie in Bruchsal ist ein echter Kitschtraum für Vintage-Bräute. Zu Beginn meiner Brautkleidsuche war ich sicher, hier etwas zu finden. Hier gibt es Kleider von Küss die Braut und Anna Cara. Viel Spitze und leichte Stoffe. Alles was das Boho-Herz begehrt. Nur bin ich zu diesem Zeitpunkt ja längst auf dem Prinzessinnendampfer unterwegs. Ob ich da noch etwas finden kann?

Im Geschäft fühl man sich, als wäre man in eine romantische „Dawanda-Welt“ eingetaucht. Schöne Altbau-Räume, nostalgisch eingerichtet. Die Möbel und die Bilder an der Wand sind allerdings nicht wirklich alt. Irgendwas ist unstimming. Eine Freundin und meine Mama sind dabei und letztere fällt ihr Urteil als Designerin schnell: Die Einrichtung geht ihrer Meinung nach gar nicht. Ganz so drastisch sehe ich es nicht, ist aber auch egal, denn wir wollen ja Kleider shoppen und nicht einziehen. Ein drittes Mal erzähle ich der Beraterin was ich suche. – Auch, dass ich inzwischen einen weiten Tüllrock wünsche. Und, dass das Kleid bitte nicht zu schlicht und fließend sein soll, weil mir das leider nicht steht.

Wir laufen durch den Raum mit Kleidern und es ist gar nicht so einfach: Lauter Kleider, die ich mir toll an anderen Frauen vorstellen kann. Aber nicht mehr an mir. Genau zwei Kleider schaffen es in die engere Auswahl. Ein paar andere ziehe ich an um zu sehen, ob es nicht doch etwas sein könnte. Aber nein. Könnte es nicht. Die zwei Prinzessinnenkleider durfte ich euch leider auch nicht fotografieren. Eins davon hätte mir dann doch noch fast mein Herz gestohlen. Wenn Selena da nicht schon einen festen Platz drin gehabt hätte. Hier hatte meine Beraterin aber auch nicht gut aufgepasst. Ich ziehe den Tülltraum in Champagner an und tanze in den Raum hinein. Und wir sind uns einig, dass es wirklich toll aussieht – sehr viel Tüll und dabei sehr hochwertig gearbeitet. Toller Stoff, genialer Schnitt. Und als ich die Beraterin frage, was es denn kostet, wird ihr blass um die Nase. Denn das Kleid sieht nicht nur hochwertig aus. Es ist auch noch von einem teuren Designer – Spose di Gio. Und soll eigentlich 4000 Euro kosten. Ich lache und denke mir: Wie praktisch, die Entscheidung ist gefallen. Auch wenn sie mir mit dem Preis noch etwas entgegenkommen wollen, merke ich, dass es das einfach nicht ist. Das Gefühl kommt einfach nicht an das heran, was ich am Tag zuvor in Stuttgart empfunden habe. Wir verlassen den Laden, ich zücke mein Handy und schaue mir das Bild von mir in „Selena“ noch einmal genau an und sage: „Das ist es. Und sonst nichts.“

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Nach der Entscheidung in „meinem“ Kleid: Die Volants sind und bleiben für mich das Highlight
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Details: Die Blumen am Rücken

Die Entscheidung und das Wiedersehen mit dem Kleid

Völlig glücklich rufe ich in Stuttgart an und verkünde meine Entscheidung für das Kleid „Selena“. Die Chefin am Telefon freut sich mit mir gemeinsam und verspricht das Kleid zu bestellen. Geschafft! Da ich mich innerhalb weniger Tage entschieden habe, bekomme ich Rabatt auf das Kleid und zahle am Ende ca 1100 Euro dafür. Hinzu kommen am Ende natürlich noch die Änderungen. Und die Accessoires. Dafür komme ich an einem späteren Termin wieder. Schuhe finde ich hier leider nicht. Aber eine kleine Tasche, die ich mir in unserer Hochzeitsfarbe Lagune einfärben lasse. Es ist ein tolles Gefühl wieder in dem Laden zu stehen: Mitten zwischen den vielen Kleidern, die mit Sicherheit andere Bräute glücklich machen werden. Manchmal träume ich ganz heimlich davon, nebenher auch Kleider zu verkaufen. Und die wahren Wünsche der Bräute zu verstehen. Ich quetsche die großartige Verkäuferin über ihren Job aus und sehe endlich das Kleid wieder. Beziehungsweise ich lerne MEIN Kleid kennen. Extra für mich gefertigt. Dazu darf ich alle Jäckchen, Boleros, Handschuhe und Haarteile anprobieren. Sogar einen Schleier probiere ich an, um mich dann – wie erwartet – dagegen zu entscheiden. Auch wenn manche Berater bei „Tüll und Tränen“ im Fernsehen behaupten: Ohne Schleier ist man keine echte Braut. Ich sehe das anders. Ich finde Schleier bei anderen manchmal schön. Aber ich persönlich hätte mich damit nur verkleidet gefühlt. Wieder so ein Shopping-Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ich habe mich in dem Laden wirklich top beraten gefühlt und die Verkäuferinnen haben mit mir gestrahlt. Es war als würde man mit Freunden shoppen gehen, die viel mehr Ahnung von Mode haben als man selbst. Und die einem dadurch unbezahlbare Tipps geben können – bis ihr euer Kleid gefunden habt.

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Damit das Kleid leichter wurde, haben wir einige Lagen Tüll entfernt.
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Das Änderungskonzept der Schneiderin: Alles wurde auseinander genommen.

Änderungen

Ein letzter Schritt fehlt noch, bis ich mit dem Kleid auf meiner eigenen Hochzeit tanzen kann. Es muss mir noch passen. Bestellt haben wir das Kleid im April. Ende Juli ist es endlich da. Ende August ist der Termin bei einer Schneiderin, die mit dem Hochzeitsgeschäft kooperiert. Im April hätte es sein können, das mir das Kleid am Ende eine Nummer kleiner passt. Aber genau weiß das keiner. Und ich wollte nicht am Ende vor der Hochzeit hungern müssen, um ins Kleid zu passen. Was für ein schrecklicher Gedanke! Also habe ich das Kleid größer bestellt und wusste: Da ist noch einiges dran zu nähen. Aber Brautkleider müssen zu 99 Prozent geändert werden. Fast niemand trägt Standardgröße.

Als ich im August endlich auf dem Weg nach Stuttgart für den Termin zum Abstecken bin, werde ich angerufen, weil meine Schneiderin einen medizinischen Notfall hat. Der Termin bei ihr kann nicht stattfinden. Da die Verkäuferinnen im Geschäft wissen, dass ich von weit her komme und bald heirate, helfen sie sofort. Sie setzen alle Hebel in Bewegung und besorgen mir einen Termin bei einer anderen Schneiderin ihres Vertrauens. Sie schiebt mich dazwischen. Ich habe nicht einmal Zeit mir Sorgen darüber zu machen. Völlig untypisch für mich, denke ich einfach: Das muss jetzt klappen. Zusammen mit meiner Mutter gehe ich in das Atelier von Johanna Beerwerth. Urig eingerichtet und verwinkelt. Man merkt, dass Frau Beerwerth viel zu tun hat. Trotzdem nimmt sie sich Zeit und nimmt mir meine Aufregung. Schnell ist klar: Das Kleid wird proportional gekürzt, damit der Stil der Volants nicht verloren geht. Außerdem wird es an allen Seiten aufgetrennt und genau auf mich angepasst. Damit ich es am Tag der Hochzeit ohne BH tragen kann und keine Angst haben muss, dass es rutscht. Ich bewundere diese Schneider-Arbeit wirklich sehr. Das Kleid wird an allen Seiten abgesteckt und sie gibt mir noch wertvolle Tipps zum Styling. Meine Angst verwandelt sich langsam in Vorfreude.

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Endlich in der passenden Größe und Länge

Wenige Tage später komme ich mein Kleid anprobieren. Wir haben extra mehr Zeit eingeplant, denn normalerweise gibt es eine zweite Anprobe und später den dritten Termin zur Abholung. Aber weil ich aus Karlsruhe nach Stuttgart komme, habe ich vorher darum gebeten, es am nächsten Termin abholen zu können. Die Auszubildende der Schneiderin hilft mir ins Kleid, erklärt mir wie ich es am Tag der Tage anziehe und wie ich allein auf die Toilette gehen kann. (Ich hatte vorher schon Angst, dass es nicht gehen würde.) Außerdem zeigt sie mir die Knöpfe, mit denen ich die Schleppe hochstecken kann. Frau Beerwerth begutachtet mich von allen Seiten und stellt fest, wo die Anpassungen noch optimiert werden müssen. Ich hätte es nicht gemerkt. Gut, dass sie vom Fach ist. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben. Daraufhin setzte ich mich ins Café an der Ecke, wo Raphael auf mich wartet und trinke einen Milchkaffee. Es passt genau: Als ich den letzten Schluck nehme, ruft die Schneiderin an und sagt, dass sie nun fertig ist.

Endlich kann ich mein Kleid mit nach Hause nehmen! Wir verpacken das Kleid in einen blickdichten Kleidersack und es fährt mit nach Karlsruhe. – Um auf seinen großen Auftritt zu warten. Dann erst wird Raphael es kennenlernen.

Showtime für das Kleid
Glück.

Real Love

Ich wusste vorher nicht, dass ich Liebe für ein Kleid empfinden kann. Aber es muss Liebe sein. Bis zur Hochzeit habe ich es immer wieder anschauen und bewundern müssen. Wollte seine Volants sortieren und mit dem Tüllrock kuscheln. Mit Schmetterlingen im Bauch und Herzchen in den Augen. Weil es mein Traumkleid ist.

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Das Kleid durfte auch in der Aachener Innenstadt posieren.

Tipps:

  • Vorab: Pinterest und Zeitschriften bieten endlose Möglichkeiten an Inspiration, was Brautkleider angeht. Es ist gut und wichtig sich vorher darüber Gedanken zu machen, wie das Traumkleid aussehen soll: Länge, Stoff, Schnitt. Dennoch sehen Kleider an einem selbst am Ende oft ganz anders aus. Gebt euch dem eigenen Erfahrungsprozess hin und bleibt offen. Hauptsache ist doch, dass ihr am Tag der Tage strahlt.
  • Fakt ist: Brautkleider sind aufwendig genäht, benötigen viel Stoff und sind daher logischerweise teuer. Überlegt euch vorher genau, wieviel ihr ausgeben wollt und was euch wichtig ist. Zum Beispiel: Wo wird das Kleid produziert, welche Stoffe werden verwendet…
  • Wenn ihr sparen wollt, sind gebrauchte Brautkleider eine gute Option: Deutlich günstiger, nur einmal getragen und wenn ihr es für euch kürzen lasst, ist so ein Kleid wie neu. Sowohl bei ebay Kleinanzeigen als auch in richtigen Second Hand Brautläden gibt es viel Auswahl. Nur bei der Größe muss man Glück haben.
  • Rabatte: Oft gibt es in Brautgeschäften Rabattaktionen, wenn neue Kollektionen kommen. Auch auf die Ausstellungsstücke bekommt man häufig Prozente. Außerdem kann man auf Hochzeitsmessen Kleider günstiger bekommen. In meinem Geschäft gab es außerdem Rabatt, wenn man sich schnell (innerhalb von 3 Tagen) für ein Kleid entscheidet.
  • Vereinbart eure Termine in den Brautgeschäften mindestens 5 Monate vor der Hochzeit, damit ihr Auswahl habt. Wenn ein Kleid in eurer Größe bestellt werden muss, dauert das oft 3-5 Monate. So war es auch bei mir.
  • Die Chemie mit den Brautberatern ist das A und O. Wenn ihr euch unwohl fühlt oder den Eindruck habt, der Berater versteht nicht, was ihr euch wünscht, dann ist es einfach nicht das richtige Geschäft für euch. Fühlt euch nicht unter Druck gesetzt. Es geht um euren großen Tag.
  • Überlegt euch genau, wer zur Anprobe mitkommen darf. Die Meinung von Vertrauten ist wichtig, aber viele Meinungen können einen verwirren. Und das Bauchgefühl trüben. Ich persönlich würde maximal drei Personen mitnehmen zum Brautkleid-Kauf. Denkt immer daran: Das soll EUER Kleid werden und nicht das der besten Freundin, Trauzeugin oder Mama. Jeder hat einen eigenen Geschmack und wenn ihr in eurem Kleid erstrahlt, weil es das richtige ist, dann werden das alle bemerken. Versprochen.

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Bilder: Martin Permantier, Tomek Wozniakowski, Aljosa Petric, Babette Permantier, Raphael Pi Permantier

Wedding Diaries 7: Wie wird unser Farbkonzept?

Die Farbe von Anzug und Kleid waren schnell gefunden: Ich werde „ivory“ tragen und Raphael dunkelblau. Aber welches Farbmotto soll die Hochzeit bekommen? Ein Thema, das viel zu oft in den Hintergrund gerät, finde ich. Deshalb bekommen unsere Farben ein eigenes Kapitel.

Welche Farben sind das Spotlight, das sich in Einladung, Accessoires, und auf den Tischen am Abend der Feier wiederfindet? Was passt zu uns? Als Tochter von Designern habe ich mir über diese Frage etwas länger den Kopf zerbrochen. Aber zum Glück habe ich als Kind von meiner Mutter gelernt, was in so einem Fall zu tun ist. – Und wie man sich der passenden Farbe nähern kann.

Schritt 1: Hochzeits- und andere bunte Magazine besorgen

Ich habe mich mit unzähligen Hochzeitsmagazinen eingedeckt, sie durchgelesen und danach Seiten markiert, auf denen besonders schöne Farbkombinationen zu sehen waren. (Hochzeitsmagazine kann ich übrigens jedem nur empfehlen, wenn man gerade voller Brauthormone ist. Sie sind einfach sehr inspirierend.)

Schritt 2: Magazine zerstören und Chaos zulassen

Die allerschönsten Stellen habe ich aus den (gelesenen) Zeitschriften herausgerissen und wild im Zimmer verteilt. Und um eine besonders gute Auswahl zu haben, habe ich daraufhin auch noch andere alte und bunte Zeitschriften durchforstet. Das Zimmer war ein einziges buntes Chaos. Aber für jemanden wie mich, der seit der Grundschule nicht mehr gebastelt hat, war es ein sehr befreiender Prozess. Ich hatte so viel Spaß wie lange nicht, ohne zu wissen wohin mich das Chaos führen würde. Und genau da liegt – glaube ich – das Geheimnis.

Das fertige Moodboard

Schritt 3: Sortieren, anordnen, verwerfen

Irgendwann war der Moment von ganz alleine da und ich dachte: Es reicht! Ich habe ein DIN-A3 Papier genommen und darauf angefangen die verschiedenen Schnipsel in allen bunten Farben anzuordnen und hin und her zu schieben. Immer wieder neu und anders. Guter Nebeneffekt: Das macht den Kopf frei! Immer wieder bin ich von dem bunten Allerlei weggetreten und habe es mir aus der Distanz angeschaut. Hier und da optimiert, bis ich schließlich das Gefühl hatte: Ja! Perfekt! Genau so will ich das! Dann habe ich die vielen Schnipsel festgeklebt und hatte mein Moodboard mit den Grundfarben für die Hochzeit fertig.

Vom Moodboard zur Einladung

Ein bisschen Vintage, dank Craft-Papier, ein bisschen türkis, grün, gelb und blau. Die Richtung stand. Raphael hat es zum Glück auch sofort gefallen. Das Ganze habe ich dann an meine Eltern geschickt, denn mein Vater hat uns die Einladungskarten designt und sich an unseren Farbwünschen orientiert. Da kann ich nur sagen: Schwein gehabt, Designer in der Familie zu haben! Die Einladung hätte ich mir schöner nicht wünschen können: Eine braune Karte aus Craft-Papier als Einband und darin weiße Blätter mit den genauen Informationen für die Gäste. Und drum herum Schleifen aus bunten Bändern in braun und hellblau.

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Die Einladung

Der Accessoire-Stoff

Für unsere Outfits habe ich mir einen kleinen Wiedererkennungswert gewünscht. Einen roten Faden (nur eben nicht in rot), der sich bei Raphael, den Trauzeugen und mir wiederfindet. Wir haben uns also auf die Suche nach einem Stoff gemacht, aus dem wir Accessoires und Details nähen können. Eine kraftvolle Farbe sollte es sein, die zu unseren Outfits passt und trotzdem eine starke Wirkung hat. Meine Mutter (Textildesignerin) und ich waren in unzähligen Stoffläden und haben uns dank einer Farbprobe schließlich für einen Stoff aus Wildseide aus dem Internet entschieden. – Farbe „Lagune“, also ein schimmerndes blau-grün. Aus diesem Stoff haben wir jetzt Raphaels Krawatte genäht, ich bekomme einen kleinen Gürtel in der Farbe und die Trauzeugen bekommen Einstecktücher. Und ich habe meine Handtasche in der gleichen Farbe einfärben lassen.

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Unsere Farbe – unser Stoff (am großen Tag werden es allerdings echte Blumen sein)

Die Tischdeko

Am Tag der Hochzeit sollen sich diese Farben auch auf den Tischen wiederfinden: Zum Beispiel in den Wildblumen, die wir aufstellen wollen. Außerdem sollen Tisch- und Platzkarten in dem gleichen braun sein wie die Einladungskarten. – So wird die alte Scheune auf Gut Hebscheid in Aachen zu unserer persönlichen „Herr und Frau Pi“ – Hochzeitslocation.

P.S. Inzwischen ist die Hochzeit vorbei. Und ich möchte euch nicht vorenthalten, wie die Scheune am großen Tag hergerichtet war. Hier ist der Arikel dazu.

Version 2

Tipps

  •  Lasst eurer Phantasie freien Lauf und spielt mit vielen bunten Farben. So werdet ihr herausfinden, welche Farbkombinationen euch besonders gut gefallen
  •  Accessoires aus einem eigens gewählten Hochzeitsstoff runden die Outfits mit einer persönlichen Note ab
  •  Nach der Hochzeit wollen wir neben das Moodboard Fotos von der Hochzeit hängen und eine Erinnerungswand daraus gestalten

Wedding Diaries 4: Eine Hochzeitstorte bitte – aber ohne Fondant

Die Wahl der Hochzeitstorte ist kompliziert und mächtig. Aber das geht vorbei sobald man sich eingesteht, aufs Herz und den eigenen Geschmack zu hören – und nicht auf die Bilder in amerikanischen Hochzeitsfilmen. Es geht schließlich um eine Torte – und keine Skulptur.

Ich sitze an einem großen runden Tisch. Immer wieder kommt eine mütterliche Konditorin rein und stellt mir ein neues Tellerchen mit Häppchen von einem anderen Kuchen vor die Nase. Die Aufforderung ist klar: „Bitte probieren, bitte probieren.“ Natürlich schmecken alle Füllungen fantastisch und hinterher weiß ich noch immer nicht, welche Torte ich haben möchte. So lief das ab. In meinem Traum.

In echt leider nicht. Ich gebe zu, ich bin kein großer Tortenfan. Mit Marzipan, Sahnecreme oder Fondant kann man mich jagen. Und Raphael geht es da ähnlich. Uns findet man nicht in der Konditorei an der Ecke am Wochenende. Wir essen lieber Eis. Oder salzig. Aber eine Hochzeitstorte gehört ja irgendwie schon dazu, fanden auch wir. Kurz haben wir überlegt, ob es eine Torte aus Käse sein soll. Oder aus Sushi. Möglich ist das alles, hat es schließlich auch alles schon gegeben. Aber so ein mehrstöckiges Kuchendings, das das Brautpaar gemeinsam anschneidet, wollten wir dann doch haben. In süß. Aber bitte ohne Sahne und nicht zu süß. Uns war also schnell klar, dass wir uns nicht einfach für eine Torte in der Auslage entscheiden können, ohne sie probiert zu haben. Also rufe ich in der Konditorei „Lammerskötter“ in Aachen Burtscheid an und vereinbare einen Termin. Das ist immerhin eine Traditionskonditorei und ein Familienbetrieb mit gutem Ruf. Da muss es doch etwas Passendes für uns geben. Wir hoffen sehr auf diesen Termin, überlegen dann aber noch „inkognito“ in anderen Konditoreien ein paar Stücke Torte zu probieren, um uns ein besseres Bild zu verschaffen.

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Auf der Suche nach Torte in der Aachener Altstadt

Die heimliche Probe

An einem sonnigen Tag flanieren wir also durch die Altstadt von Aachen und setzen uns als erstes ins Café zum Mohren. Auch mich Nicht-Torten-Fan lachen hier viele süße Stücke an: Eistorten, Obst-, Schoko-Torten und die Baiser-Torten sehen ausgezeichnet aus. Wir entscheiden uns für ein Stück fruchtige Eistorte und Lemon-Baiser. Bei der Eistorte dachte ich: Ok! Lecker – aber keine Hochzeitstorte für mich. Es fehlte der gewisse Kick.

Wir haben uns fast ein bisschen geschämt, dass wir Lemon-Baiser ausgewählt hatten, obwohl wir eigentlich auf der Suche einer Hochzeitstorte waren. Denn die seltenen 0815 Besuche in einer Konditorei laufen bei uns immer so ab:

Was willst du?“

Hmmmmm. Weiß nicht. Sieht mir alles zu sahnig-süß aus. Haben die was mit Zitronencreme und Baiser?“

Ja, schau da!“

Ah geil. Nehm ich.“

Ok ich auch.“

Echt? Beide das gleiche?“

Ja. Ist das einzige, was mich anlacht.“

Na gut.“

So läuft das tatsächlich jedes Mal ab. Daher kennen wir uns mit Lemon-Tartes auch ganz gut aus. Geschmacklich zumindest. Als wir die erste Gabel dieser Lemon-Baiser-Torte probieren, schauen wir uns ungläubig an. Kann es sein, dass diese Torte 100 Mal genialer schmeckt, als all jene, die wir bisher von Chile über Neuseeland bis Deutschland probiert haben? Ja, es kann. Und ja, es ist so. Diese Lemon-Baiser-Torte ist der absolute geschmackliche Wahnsinn. Locker-leicht und fast tänzerisch verziert das Baiser die Torte oben drauf. Unten drunter leichte schichten Zitronencreme und Teig, die sich aneinanderschmiegen als wüssten sie, wie gut sie harmonieren und zusammenpassen. Ich fühle mich wie auf einem Kuchentrip. Noch nie war ich so happy nach einem Stück Torte. Ich war immer die, die auf Omas Geburtstag gesagt hat: „Für mich bitte nur ein halbes Stück! Oder ein ganz schmales!“ Für die Torten-Fans dieser Welt sicher unvorstellbar, aber wahr. Und ich fange schon an zu bezweifeln, dass wir noch was leckereres finden können. Aber ist eine Lemon-Baiser-Torte nicht etwas unpassend für eine Hochzeit? Stapeln kann man sie ja schonmal nicht.

Lemon-Baiser: Das wird unsere Hochzeitstorte

Danach steht bei uns das Café Middelberg auf dem Programm: Hier trifft Caféhaus auf Tradition – und das gleich neben dem Marktplatz. In Aachen ist es wirklich überraschend, wieviele Menschen unter der Woche mittags im Café sitzen und Kuchen genießen. Das scheint hier ein großer Markt zu sein. Wir gesellen uns dazu. Mir fällt es allerdings schon in der Auslage schwer einen Kuchen zu finden, den ich überhaupt probieren möchte: Überall Marzipan, Buttercreme und Schokolade. Jedes Stück wirkt übermächtig deftig süß. Wir bestellen trotzdem zwei Stücke mit unterschiedlichen Füllungen: Einmal Käse- Sahnetorte und einmal Himbeercreme. Nach zwei Bissen steht für mich fest: Hier bestellen wir keine Torte. Gegen den Geschmack an sich kann ich nichts sagen – außer dass ich einfach kein Fan bin von zu viel süßer Creme in einer Torte. Kurz überlege ich, ob andere vielleicht genau das von einer Hochzeits-Torte erwarten. Aber selbst wenn. So what. Das können sie auf ihrer eigenen Hochzeit gerne anbieten, wenn sie mögen. Überzuckert verlassen wir das Café. In dem Moment bin ich froh, dass wir hier keinen Termin vereinbart hatten.

Die Auswahl im Café Middelberg, Aachen

Der Termin bei „Lammerskötter“

Die letzte Konditorei auf unserer Liste ist in meiner Heimat Burtscheid – ein kleines Familienunternehmen mit gutem Ruf in der Region und einer ausgezeichneten Homepage. Davon können die anderen nur träumen. Die Chefin – eine echte Lammerskötter – begrüßt uns freundlich im Konditoreiladen. Allerdings bleiben wir auch genau da während der gesamten Beratung stehen. Sie holt ihr iPad und zeigt uns die verschiedenen Optionen, die wir auch schon vorher auf der Internetseite gesehen haben. Auf die Frage, welche Sorten wir denn jetzt mal probieren können, wird klar: Keine. Also Torten gibt es schon, aber keine einzige Füllung der typischen Hochzeitstorten ist gerade vorrätig da. Das ist natürlich schade, weil wir extra aus Karlsruhe angereist waren – auch um diese Torten zu probieren und eine Entscheidung zu treffen. Auch hier gibt es eine Torte mit Zitronencreme und Baiser, die auf der Homepage ausgezeichnet aussieht. Außerdem haben sie wunderschöne Naked-Cakes im Angebot. Aber ohne sie zu probieren, würde ich keine mehrstöckige Hochzeitstorte bestellen.

 

Wir nehmen das, was zu uns passt: Lemon-Baiser

Hinterher waren wir etwas geknickt: Wir wurden zwar super nett beraten, aber ich hatte es mir einfach anders vorgestellt. Als wir abwägen, ob wir noch einen neuen Termin vereinbaren, gehen wir auch nochmal alle Torten durch, die wir gegessen haben und stellen fest: Eigentlich haben wir längst einen Favoriten. Wir rufen in der Konditorei des „Café zum Mohren“ an und fragen, ob sie die Lemon-Baiser-Torte für uns als mehrstöckige Hochzeits-Torte herstellen würden. Und ja, sie wollen und würden! Natürlich würde diese Torte nicht direkt übereinander gestapelt. Das ist bei Baiser wohl nicht so einfach möglich. Sie würden sie uns aber auf einer Etagère servieren und damit unseren Geschmackstraum wahr werden lassen.

Ich bin begeistert und tanze durch die Küche. Klar: Eigentlich hätte ich mir schon vorher denken können, dass es keine klassische Torte bei uns wird. Aber jetzt bin ich mir sicher. Und es fühlt sich einfach fantastisch und richtig an. Warum nicht einfach das bestellen, was zu uns passt? Auf der ganzen Welt haben wir die Zitronen-Tartes schon probiert. Hier schließt sich der Kreis. Während ich das hier schreibe, bekomme ich Hunger. Das wird toll!

Wir werden unsere Hochzeits-Torte übrigens nicht am Nachmittag servieren und auch nicht an Mitternacht. Wir servieren sie einfach als Nachtisch, damit hinterher nichts die Party unterbricht. „Zucker und Sitzen“ am späten Abend kann nämlich zum Partykiller Nr. 1 werden, schreibt Hochzeits-Dj Thomas Sünder. Und das glaube ich sofort.

Jetzt hoffen wir, dass unsere Gäste diese Torte ebenso gern wie wir essen werden. Wenn nicht, esse ich sie eben drei Tage lang. Kein Problem.

Facts:

  • Testet auf jeden Fall den Geschmack verschiedener Torten und fragt bei den Konditoreien, ob die extra Probier-Termine anbieten (Wir konnten bei unserem Termin leider nicht eine Füllung probieren.)
  • Auch salzige Alternativen, wie ein Käseturm anstelle einer Hochzeitstorte kann überzeugen. Nehmt nur das, was euch schmeckt.
  • Ein Stück Torte hat in und um Aachen immer ca 4 Euro gekostet. Je nachdem wieviele Stücke man braucht, kann man sich leicht ausrechnen, warum eine Hochzeitstorte schnell 500 Euro kostet
  • Uhrzeit: Zu welcher Zeit wollt ihr die Torte servieren? Nachmittags oder als Dessert? Warum die Mitternachtstorte nicht die beste Option ist, kann man sehr unterhaltsam im Hochzeits-Bestseller von Thomas Sünder nachlesen: Er beschreibt anschaulich, wie die Mitternachtstorte die Party-Stimmung unterbricht, die danach oft nur noch schleppend in Gang kommt. Das Buch heißt: „Wer Ja sagt, darf auch Tante Inge ausladen.“ Dieses Buch kann ich generell nur jedem ans Herz legen.

Fotos: Raphael Timm & Athene Pi Permantier

Gute Gründe für Barcelona – warum ich immer wieder dahin reise

Es ist dunkel, der Bus vom Flughafen spuckt einen Passagier nach dem anderen aus. Pl. Espanya, Universitat, Pl. Catalunya. Endstation. Schon beim Aussteigen umgibt mich wieder dieser ganz besondere Geruch. So riecht es nur in Barcelona.

Ein bisschen modrig, etwas stickig, warm und dazu kommt der Geruch von „alles ist möglich“. Sofort fühle ich mich wohl, lasse die große Straße links liegen und falle ins Gassenmeer: Barri Gótic, Raval…. unterwegs kaufe ich noch mindestens 2 Dosenbier. Das gehört dazu.

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Barcelona ist für mich eine ganz spezielle Stadt. Erst wollte ich unbedingt hin, weil ich der wohl größte Fan des Films „L’Auberge Espagnole“ bin. Ein Semester in Barcelona, Selbstfindung, Angst vorm Erwachsen werden, viele Parties, und außerdem eine wunderschöne Stadt mit Strand. Klingt fast zu perfekt. Dazu kommt diese malerische Kulisse, die kleinen Gassen, die Geschichte, die Künstler und die Architektur. Ich habe auch darüber nachgedacht mein Auslandssemester dort zu machen. Auch wenn es dazu nicht gekommen ist, habe ich seitdem viele zauberhafte Tage in und um Barcelona verbracht.

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Barcelona ist eine dieser Städte: Entweder liebst du sie oder du findest keinen Zugang und kehrst nicht zurück.

Die touristischsten Ziele, wie Gaudís Park Güell würde ich allerdings nur zu Randzeiten empfehlen. Dieser Ort verliert viel seiner Magie, wenn man dort nicht entspannt laufen kann, weil überall andere Menschen stehen, die die gleichen Erinnerungsfotos machen wollen.

Barcelona: Immer in Konstruktion

Der Reiz der Stadt besteht für mich nicht in diesen bekannten Attraktionen. Ich liebe es, mich in den Straßen zu verlieren – ohne Orientierung und ohne Gefühl für Raum und Zeit. Das Tolle im Urlaub ist ja, dass endlich Zeit da ist – auch um zu laufen. Ohne Ziel. Zwischendurch eine kleine Pause auf einem der vielen Plätze, sei es auf der Pl. del Pi, oder auf der eckigen Plaza del Tripi, die eigentlich George Orwell heisst. In der Gegend der vielen Gässchen ist es ganz gleich wo: Überall ist die Aussicht besonders. – Vor allem für alle, die Streetart und alte Gebäude lieben. Am späten Nachmittag lohnt sich ein Spaziergang über die Pl. Reial. – Der Platz strahlt nicht nur in der Abendsonne besonders schön, oft bekommt man dort auch Freikarten für Clubs zugesteckt. Am frühen Abend sitze ich auch gern zwischen vielen anderen auf der Pl. de Joan Coromines am Kunstmuseum „Macba“, genieße die Wärme, die sich in den Steinen den Tag über gespeichert hat und schaue den Skatern zu, als wären wir wieder in den 90ern gelandet.

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Auch wenn der Ort inzwischen in jedem Reiseführer steht: Bei mir gibt es keinen Barcelonabesuch ohne einen Abend in der Champagneria „Can Paixano“, in der Nähe der Metro-Station Barceloneta. Ein uriger Ort, immer voller Menschen, die Sekt aus kleinen Gläsern trinken und dazu Tapas essen. Ihr müsst euch vorstellen: Der rechte Teil des Raums ist gefüllt durch eine lange Theke, die bis zum Ende des schlauchartigen Raums führt. Und links davon tummeln sich stehende Menschen, die irgendwie an die Theke wollen, um noch ein Glas des berühmten rosé Cava eingeschenkt zu bekommen. Das Prinzip ist einfach: Einmal an der Theke angekommen, versucht man seinen Platz zu verteidigen. Aber nur Sekt trinken, ist nicht drin: Du musst dazu immer mal wieder etwas zu essen bestellen. Sonst werden die Jungs hinter der Theke sauer. Ich war mit Sicherheit schon 8 Mal dort und die Mitarbeiter sind immer dieselben geblieben. Sie wissen was sie tun. Die Brötchen mit rohem Schinken und warmem Käse sind besonders lecker. – Und fettig! Aber fettige Brötchen machen nummal glücklich. Manchmal.

Auch im Regen bezaubernd

Die Stadt verwandelt sich am Abend und es beginnen Ecken zu leuchten, die am Tag wie verwaist aussahen. Dann gibt es auf einmal Bars an Ecken, wo du sie niemals erwartet hättest. Nachts um die Häuser ziehen lohnt sich in Barcelona immer. Du wirst jedes Mal überrascht: Von besonderen Menschen, von Bands, die in einer urigen Kneipe spielen oder von dir selbst. – Hier kann man gut neue Seiten an sich entdecken bis die Sonne wieder aufgeht und einen an die Realität erinnert.

Mit Kater und einfacher morgendlicher Müdigkeit kannst du dich besonders gut an einen der vielen Strände oder in einen Park legen. Barcelona gibt dir die Zeit, die du brauchst bis es wieder losgeht.

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Dieses Jahr möchte ich unbedingt nochmal nach Barcelona: Ich habe wieder Fernweh. Auch Auch wenn es in den letzten Jahren immer touristischer dort geworden ist: Bei Barcelona war es Liebe auf den ersten Blick. – Liebe von der guten Sorte! Die, die für immer hält und die einen so sein lässt, wie man ist.

Zusammenfassung:

Perfekte Länge für einen Barcelona Trip: 4-7 Tage

Wohin sollte man unbedingt?

    • Champagneria „Can Paixano“
    • Strand, Barceloneta
    • Park Güell – nur noch mit vorbestellten Karten zu empfehlen
    • Olympiastadion
    • durch die Gassen schlendern
    • Pl. Reial
    • Parks
    • Pl. de Joan Coromines am Kunstmuseum „Macba“
    • Und wenn noch Zeit ist: Strand außerhalb der Stadt

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Fotos: Raphael Timm

Nostalgie: Einmal frühstücken im Diner von O.C. California

Es ist mein cheesy Mädchenherz was da hin und wieder nostalgisch wird. Ich habe die Serie O.C. California verschlungen! Als ich angefangen habe unseren Roadtrip durch Kalifornien zu planen, war für mich klar, dass ich mindestens einen echten Drehort aus der Serie O.C. besuchen will. Was passt da besser als ein Besuch im Diner aus der Serie? Ich finde: Nichts!

Beste Aussicht Kaliforniens

Surfboards und Zuckerwatte

Die Magie der Serie O.C. besteht für mich darin, dass die Serie im Urlaubsparadies gedreht worden ist. „Wenn das Kalifornien ist, dann muss ich da mal hin“, dachte ich. Sandy kommt vor oder nach der Arbeit von einer Surfsession nach Hause und Seth hat natürlich ein Longboard. Ryan wohnt im Poolhouse – wie der Name vermuten lässt mit Blick auf den klaren, blauen Pool. Und wenn Seth, Summer, Ryan und Marissa mal Hunger haben, dann geht’s ins Diner auf dem Pier, denn da gibt es die besten Chili Cheese Fries und dazu einen Milkshake. Natürlich überhaupt nicht gesund, klingt auch als könne einem davon schlecht werden – aber es hat auch was. Der Blick aus dem Fenster des Diners geht natürlich – wie soll es auch anders sein – direkt auf’s Meer. Bilder von Sonne, Strand, Surfern und Meer haben sich auch lange nach dem Ende der Serie noch in mein Gedächtnis gebrannt. Ein Wattebausch von vier Menschen, die noch nicht erwachsen werden wollen, nach dem Sinn des Lebens suchen und ihn mehr oder weniger, naja wohl nur zum Teil finden. (Wie so viele von uns) Für immer geblieben ist natürlich das Bild von den vier Freunden im Diner.

In der Nähe: Reiche Leute Gegend Balboa Island

Da können wir auch sitzen – einfach so!

Es war ein kleiner Glückstag, als ich herausgefunden habe, dass es das Diner aus der Serie wirklich gibt. Es ist keine sterile Filmkulisse in irgendeinem Studio in Hollywood. Es ist einfach ein ganz normales Diner auf einem Pier. Ein bisschen enttäuschen muss ich euch allerdings schon: Es befindet sich nicht auf dem Pier von Newport Beach, sondern in Redondo Beach. – Es liegt also deutlich näher an Los Angeles als Newport Beach selbst. – War wohl praktischer für die Dreharbeiten.

Das Diner von außen

Auf dem Weg von Venice nach Newport Beach kamen wir da ziemlich genau vorbei. Ich war aufgeregt wie früher an Weihnachten: Wird es da wirklich so aussehen wie in der Serie? Hoffentlich schmeckt es da und mein Nostalgieherz wird nicht enttäuscht. Haben sie vielleicht inzwischen umgebaut und die Sitze sind nicht mehr dunkelgrün und einmal dreiviertel um den Tisch herum? Hoffentlich nicht!

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Der Pier selbst ist alt, aus Holz – etwas abgegessen, aber stylish. Auf den großen, tragenden Balken sitzen Pelikane und sonnen sich. Daneben stehen ein paar ältere Männer und angeln. Und da ist es auch schon: blau auf gelb leuchtet das große Schild mir entgegen! Der „Redondo Coffee Shop“ hat den besten rundherum-Blick auf das Meer. Ich kann es nicht wirklich fassen, dass das Diner einfach so da ist. Ganz natürlich – als hätte es auf uns gewartet.

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Im Redondo Coffee Shop ist die Zeit stehen geblieben.

Zumindest sieht es da drinnen so aus. Erinnert ihr euch noch daran als Ryan und Seth versuchen durch den Hinterausgang zu verschwinden, weil Marissas Noch-Freund Luke mit seinen Freunden am Tisch neben dem Eingang sitzt? – Und die zwei Schiss haben, dass er sie verprügelt? Genau diese Bilder hatte ich vor Augen, als ich im Laden stand. Ich habe mich im Kreis gedreht und einen Tisch ausgesucht. Sogar die Speisekarte erinnert an die Serie.

Amerikanisches Frühstück: Viel Fett!

Wir sind allerdings zum frühstücken da, ich habe nicht wirklich Lust auf Pommes mit Milkshake. Also bestellen wir ein großes amerikanisches Breakfast: Coffee, Buttermilk-Pancakes mit Sirup, Egg, Bacon und Toast. Ja, wir hatten Hunger. Und vor allem Bock. Auch wenn es nicht der Ort wäre, wo O.C. gedreht worden ist: Das ist ein tolles, typisch amerikanisches Diner mit fantastischem Ausblick aufs Meer. Für mich ein absoluter Must-Stop auf dem Weg die Küste Kaliforniens entlang. An der Wand des Diner hängt übrigens sogar ein Beweisbild: Eine Autogrammkarte mit Bild der Hauptdarsteller der Serie.

Der Unterschriften-Beweis im Diner: Autogramme der O.C.-Stars

Warum bleibt O.C. genial?

Ich frage mich manchmal was diese Serie auch Jahre später noch so großartig für mich macht. Vielleicht ist es, weil ich inzwischen selbst surfe und sie nochmal mit anderen Augen sehe? Oder weil ich jedesmal laut lachen muss, wenn Julie Cooper wieder übertrieben fies und doch so ein genial gezeichneter Charakter ist? Vielleicht auch, weil Sandy der Vater ist, den wir uns heimlich alle wünschen, weil er immer auf unserer Seite sein würde? Oder weil Seth Cohen der eigentliche männliche Star der Serie ist, weil es durchaus ok ist, wenn Männer Gefühle zeigen, manchmal albern sind und gleichzeitig liebenswert und sarkastisch.

Am Ende ist es aber wohl das was uns die Serie über das große Glück lehrt: Du kannst auch in einer Hollywood-Kulisse leben und Kohle haben – Das allein macht eben doch nicht glücklich. Ein Kaffee im Redondo Beach Coffee Shop allerdings schon – für einen Moment.

Fröhlich.

 

Adresse für andere Fans oder Menschen, die einen guten Frühstücksort in Kalifornien suchen:

Redondo Coffee Shop

141 Fishermans Wharf, Redondo Beach, CA 90277, Vereinigte Staaten

Wir waren im September 2014 da

Fotos: Raphael Timm

Kultur: Auf der Suche nach gutem Kaffee in Chile

Ich hätte gern einen Kaffee.“ – „Mit Milch und Zucker?“ – „Nein, nur mit Milch. Danke!“ Als wäre es gestern gewesen erinnere ich mich an den Moment, als ich einen Styroporbecher mit Nescafé und Milch in die Hand gedrückt bekomme. Das war vor etwa 10 Jahren. Inzwischen hat sich einiges in Chile geändert.

Ich stehe in einem kleinen Café in der Nähe der Redaktion der Tageszeitung „La Tercera“ in Santiago, wo ich damals ein Praktikum angefangen habe. Vor dem Start wollte ich mir ein wenig „Mut“ antrinken. Normalerweise hilft da bei mir nichts besser als Kaffee. Aber Nescafé ist für mich eigentlich kein Kaffee, also versuche ich das Gesöff möglichst schnell herunterzubekommen, atme einmal tief aus und starte mein Praktikum. In meinem Kopf rattert es: Warum bin ich in Lateinamerika und bekomme Pulverkaffee? Strange.

Warum Nescafé?

Seit ich Chile als Kaffee-trinkende Person kenne und schätze, spielt Nescafé eine unfassbar große Rolle.

Offenbar auch deshalb, weil Nestlé in den siebziger Jahren eine große Kampagne gestartet hat – von wegen „Heeeyy dieser Kaffee ist einfach zuzubereiten… und überhaupt: bisschen Zucker dran.. und Milch – oder Milchpulver und zack. Getränk fertig. Niemand brauch mehr eine Kaffeemaschine – praktisch.“ Jau und ekelig. Das wurde mir zumindest zum Thema erzählt.

Cafés con piernas

Witzigerweise stammt eine sehr ungewöhnliche, sexistische chilenische Kaffeeidee auch aus den siebziger Jahren: Die „Cafés con Piernas“ – also Cafés mit Beinen. Die ersten davon hießen „Café Haiti“ und „Café Caribe.“ Stellt euch vor, ihr kommt in einen solchen Laden und das erste was euch auffällt sind die Frauen, die da bedienen, denn sie tragen alle Minikleider. (In den ganz krassen Läden wohl sogar nur Bikinis oder noch weniger, aber da bin ich noch nie reingegangen.) Die Tresen schlängeln sich durch das Lokal und sind so gebaut, dass alle Gäste die Beine der Bedienungen bewundern können: Die Tresen sind sozusagen unten rum frei. – Damit auch nichts vom Bein versteckt bleibt, stehen die Frauen etwas höher als alle, die einen Kaffee bestellen und gaffen. Als ich diese Cafés zum ersten Mal gestehen hab, ist mir echt der Mund offen stehengeblieben. Klar: Hier bedienen nur Frauen und sie werden auf ihre Beine reduziert. Viele Chilenen kommen hierher, um in der Mittagspause zu gaffen und einen „richtigen“ Kaffee zu genießen. Denn das ist der Clou: In den „Cafés con Piernas“ gab es schon immer echten Bohnenkaffee. Verrückt, welche Wege der Kaffee in Chile gehen muss, um gekauft zu werden. Wer sich in Santiago nicht so gut auskennt: Diese Cafés gibt es überall verstreut in der Innenstadt. Ihr erkennt sie einfach an den offenen Tresen, den vielen Spiegeln und dem Minikleid-Dresscode der Bediensteten. Bescheuert. Und skurril. Aber ja: Der Kaffee ist ganz ok.

Was tun, wenn du sicher gehen willst einen Espresso mit Milchschaum zu bekommen?

Das ist ein besonders großer Cortado

Lange – bis etwa 2010 war es für mich die sicherste Variante zu fragen: „Hay café cortado?“ Das ist ein kleiner Espresso mit ein wenig aufgeschäumter Milch. Keine italienische Barista-Kunst, aber da weisst du was du hast. In Santiago gibt es seit jeher Cafés, die Cortado anbieten, aber in den kleineren Städten musst du schon genauer suchen. – Am besten immer kurz die Kaffeemaschinen-Lage checken. Trotzdem hatte ich bei längeren Chileaufenthalten immer großes Heimweh nach gutem Kaffee: Nach einer großen Tasse mit viel Milchschaum und Espresso, der kein bisschen bitter ist.

Wie es die Ironie der Geschichte und die Liebe der Chilenen zu großen Marken so will, hat es ein anderer großer Platzhirsch schließlich geschafft, dass „gemütlich Kaffee trinken“ oder auch mal im Café arbeiten oder lernen IN geworden ist: Welcome to „Starbucks“. Große Sessel, fancy Getränke mit viel Zucker und so teuer, dass ich das Zeug in Chile fast als Luxusgut bezeichnen würde. 2003 ist die Kette nach Chile gekommen und inzwischen gibt es in Santiago an jeder Ecke eine Filiale. Vor allem in Providencia kannst du manchmal von einer Starbucks-Filiale zur nächsten spucken. Und die Dinger sind immer voll! Wahnsinn! Ich weiss nicht, ob es wirklich einen kausalen Zusammenhang zwischen der steigenden Nachfrage nach gemütlichen Kaffees und der Ausbreitung von Starbucks gibt (das könnte ich mal langfristig erforschen) – einen zeitlichen gibt es aber auf jeden Fall.

Der neue Espresso-Boom

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Ich war 2010 in Chile, 2013 und vor kurzem wieder, also 2016. Mit jedem Besuch fallen mir in den letzten Jahren in Santiago neue, kleine, gemütliche Cafés auf: Im Viertel Lastarria zum Beispiel ist es kein Problem einen Latte nach Barista-Art zu bekommen – auf Wunsch mit laktosefreier Milch. Im Barrio Italia reiht sich eine Galerie mit Shops und Cafés an die nächste. Auch in Valparaiso gibt es auf den berühmten Cerros Alegre und Concepción lauter kleine Cafés mit italienischer Kaffeemaschine und Wahnsinnsausblick über die Bucht. Das sind Cafés mit stylishen alten, zusammengewürfelten Möbeln in renovierten alten Gebäuden. – Oft mit Holzboden. Diese Häuser erzählen die Geschichte von Valparaiso und bei einem oder zwei Latte stelle ich mir die Geschichte des Raums vor, in dem ich gerade sitze: War es mal ein Schlafzimmer? Oder eine Küche? Oder einfach die Galerie, wo immer die Wäsche getrocknet worden ist? Das sind ganz aufregende Orte.

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Ich wünsche mir, dass dieser Trend zu richtigem, italienischem Barista-Kaffee keine kurze Welle ist. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht und dass die 10 verschiedenen Größen Nescafé im Supermarkt in Zukunft Kaffeebohnen in unterschiedlichen Röstungen weichen. Und dass es so auch in den Haushalten kleine Espressokocher gibt.

Kaffee- und Kuchenparadies Valparaiso

P.S. Ein Geständnis noch: Es ist – wie es immer ist mit Dingen, die dich an eine gute Zeit erinnern. Bis heute trinke ich nach jeder Ankunft in Santiago einen Nescafé bei meiner Gastfamilie. Denn der Geschmack erinnert mich an das Santiago, wie ich es in der Schul- und Unizeit kennengelernt habe. Und er zeigt so viel über die chilenische Kultur.

Rezept: Italienische Spaghetti Carbonara

Die Zeit in Italien in Pettenasco haben wir nicht nur genutzt, um am See zu liegen. An einem Abend war ich richtig aktiv und habe Spaghetti Carbonara gekocht. Das Rezept hatte ich von einem Italiener aus einem Feinkostladen. Eigentlich wollte ich nur Speck kaufen, aber das exklusive Rezept gab es ungefragt dazu.

Etwas mehr Geduld als ich sie habe, wäre wahrscheinlich von Vorteil. Seht selbst!

Übrigens: In diesem Video habe ich das Wort „Heidewitzka“ versteckt. Wer es zuerst bemerkt kann exklusiv nichts gewinnen.

Zutaten:
Pasta
Pancetta (gewürfelt) (Normaler Speck geht wahrscheinlich auch)
Knoblauch
Grana Padano
Eigelb
Olivenöl
Salz und frischer Pfeffer
(und am besten Geduld beim Rühren)

Wie macht ihr eure Carbonara am liebsten?

Urlaub: Entspannen in einer Woche in Italien

Urlaub?! Viel zu teuer! Außerdem bekomme ich nur eine Woche frei und dann? Das lohnt sich doch alles nicht bei den Preisen!“ Ein Haufen Ausreden schlägt mir jedes Mal entgegen, wenn ich mit Freunden und Bekannten über meine Lieblingsthema spreche: Reisen. Und ich bin jedes Mal komplett baff und überrascht wie viele Ausreden Menschen sich einfallen lassen, um sich einzureden, dass ein Urlaub ja wohl momentan überhaupt nicht drin ist.

Alles Quatsch! Auf die Einstellung kommt es an, auf den Willen und natürlich auch auf die Ansprüche. Klar: Wenn wir gerade studieren oder keinen guten Job haben und am Ende des Geldes immer noch viel zu viel Monat übrig ist, dann ist kein Luxusurlaub auf den Malediven drin. Aber ich behaupte: Ein Kurztrip nach Italien geht immer!

Wir brauchen dafür: Eine Woche Zeit, Mitfahrgelegenheit, Auto oder Zugticket (letztens bin ich für rund 80 Euro von Karlsruhe nach Domodossola und wieder zurück gefahren und war nur 5 Stunden unterwegs.) Ich übernachte besonders gern in Airbnb – Wohnungen, noch günstiger geht’s natürlich mit Couchsurfing oder Camping, einen Haufen Bücher oder Zeitschriften und dann kann es eigentlich schon losgehen! Eine Kleinigkeit noch: Ich würde mein Handy für die Zeit komplett abschalten.

Heisst: Wichtig ist, dass vorher Kohle da ist für die Fahrt und die Unterkunft. Vor Ort benötigt ihr das gleiche Geld wie zu Hause, wenn ihr hin und wieder selbst kocht.

Viel ist es definitiv nicht! 

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Allein der Weg durch die Alpen ist schon die Reise wert!

Wir sind Ende Juli zu sechst in zwei Autos von Karlsruhe nach Pettenasco, Italien am Lago d’Orta gefahren. Was ein wunderschöner Weg durch die Alpen. Am Simplon-Pass hatte ich immer das Gefühl: Gleich springt hier wirklich Heidi aus einer Hütte, die Schweiz ist einfach unfassbar grün und malerisch und wie aus einer anderen Zeit. Bei solchen Fahrten lege ich traditionell häufig Vivaldi im Auto auf und gucke ganz ruhig durch die Welt. Der Urlaub beginnt schon auf der Fahrt. Natürlich nur solange ihr keinem LKW hinterherschleichen müsst, der am Pass nur 30 fährt, weil zu steil. Sobald die Grenze passiert ist, ergreift einen das italienische Flair von alleine und der Durst auf Espresso steigt. Zum Glück kostet der in Italien oft nur 1,30 Euro! Und er schmeckt 10 Mal so gut wie bei uns. Praktisch. 

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Die Aussicht von unserem Schlafzimmer in der Unterkunft: Man kann den Lago d’Orta sehen!

Unsere Wohnung in Pettenasco ist in einem alten italienischen Familienhaus. Von weitem sehen wir schon die große Schattenterasse mit Blick auf den Lago d’Orta. Wir haben uns beim Buchen für die Variante: Günstig, aber nah am Wasser entschieden und sind ehrlich gesagt richtig erleichtert, als wir im Haus festellen: Die Ausstattung ist alt, aber stilvoll italienisch und die Aufteilung der Wohnung ist besser als erwartet: 3 Schlafzimmer, also immer eins für 2 Personen, Küche, Bad, Balkon und eben die besagte Terasse – auch unser zweites Wohnzimmer genannt. Wir wollen in dieser einen Woche vor allem schlafen, baden, italienisch essen und unsere Ruhe haben. Da ist Pettenasco mit rund 1300 Einwohnern im Grunde der perfekte Ort dafür. Hardcore Italienfans wären allerdings traurig: Der Ort ist so klein, dass die Eisdiele leider geschlossen hat. – Und das in der Hochsaison. Aber es gibt eine urige Pizzeria mit Margarita unter 5 Euro und der See – einfach nur wow! Das Wasser ist weicher, als die Kuscheldecke auf eurem Sofa, und dazu angenehm warm! Außerdem gibt es immer wieder kleine Stege, die direkt ins tiefe Wasser führen: Die perfekten Mini-Sprungtürme!

So ein Urlaub passt natürlich besonders zu allen unter euch, die kein krasses Freizeitprogramm brauchen. Ich finde es gerade bei einem Kurzurlaub von einer Woche genial, wenn meine größten Sorgen sind: Gehe ich jetzt ins Wasser? Trinke ich noch einen Cappuchino? Schatten oder Sonne? Lesen oder schlafen? Diese Gegend in Italien ist aber in jeder Hinsicht perfekt für einen Sommerurlaub, denn auch jetzt in der Hochsaison war es dort unfassbar leer und die Berge sind gleich um die Ecke. Wandern ist also auch möglich.

Das wichtigste um abschalten zu können ist meiner Meinung nach aber: Offline gehen und bleiben! In längeren Urlauben als eine Woche probiere ich es erst gar nicht. Aber bei einer Woche ist es einfach so ein gutes, unabhängiges Gefühl zu wissen: Niemand will was! Niemand wird etwas wollen. Und alle wissen: Ich bin weg! Nachdem ich mich für die Woche offline entschieden hatte, war es gar nicht schwierig. Ich hatte keine dieser „Entzugserscheinungen“. Ich habe mich einfach frei gefühlt. Unbezahlbar!

Nach der Woche und Stunden am See, in denen ich einfach nur baff bin von der Schönheit der Welt und dem Gefühl im glasklaren Lago d’Orta zu schwimmen – ich habe fast schon Angst davor wieder online zu gehen und zu sehen was ich verpasst habe.

Und dann – kurz hinter der deutschen Grenze steht fest: Es ist genau NICHTS passiert! Gar nichts! Ich habe nichts verpasst! Ich habe nur gewonnen: Urlaub, Sonne, und richtige Entspannung – in nur einer Woche. Es lohnt sich einfach immer – und Pettenasco ist der perfekte Ort dafür.