Kultur: Auf der Suche nach gutem Kaffee in Chile

Ich hätte gern einen Kaffee.“ – „Mit Milch und Zucker?“ – „Nein, nur mit Milch. Danke!“ Als wäre es gestern gewesen erinnere ich mich an den Moment, als ich einen Styroporbecher mit Nescafé und Milch in die Hand gedrückt bekomme. Das war vor etwa 10 Jahren. Inzwischen hat sich einiges in Chile geändert.

Ich stehe in einem kleinen Café in der Nähe der Redaktion der Tageszeitung „La Tercera“ in Santiago, wo ich damals ein Praktikum angefangen habe. Vor dem Start wollte ich mir ein wenig „Mut“ antrinken. Normalerweise hilft da bei mir nichts besser als Kaffee. Aber Nescafé ist für mich eigentlich kein Kaffee, also versuche ich das Gesöff möglichst schnell herunterzubekommen, atme einmal tief aus und starte mein Praktikum. In meinem Kopf rattert es: Warum bin ich in Lateinamerika und bekomme Pulverkaffee? Strange.

Warum Nescafé?

Seit ich Chile als Kaffee-trinkende Person kenne und schätze, spielt Nescafé eine unfassbar große Rolle.

Offenbar auch deshalb, weil Nestlé in den siebziger Jahren eine große Kampagne gestartet hat – von wegen „Heeeyy dieser Kaffee ist einfach zuzubereiten… und überhaupt: bisschen Zucker dran.. und Milch – oder Milchpulver und zack. Getränk fertig. Niemand brauch mehr eine Kaffeemaschine – praktisch.“ Jau und ekelig. Das wurde mir zumindest zum Thema erzählt.

Cafés con piernas

Witzigerweise stammt eine sehr ungewöhnliche, sexistische chilenische Kaffeeidee auch aus den siebziger Jahren: Die „Cafés con Piernas“ – also Cafés mit Beinen. Die ersten davon hießen „Café Haiti“ und „Café Caribe.“ Stellt euch vor, ihr kommt in einen solchen Laden und das erste was euch auffällt sind die Frauen, die da bedienen, denn sie tragen alle Minikleider. (In den ganz krassen Läden wohl sogar nur Bikinis oder noch weniger, aber da bin ich noch nie reingegangen.) Die Tresen schlängeln sich durch das Lokal und sind so gebaut, dass alle Gäste die Beine der Bedienungen bewundern können: Die Tresen sind sozusagen unten rum frei. – Damit auch nichts vom Bein versteckt bleibt, stehen die Frauen etwas höher als alle, die einen Kaffee bestellen und gaffen. Als ich diese Cafés zum ersten Mal gestehen hab, ist mir echt der Mund offen stehengeblieben. Klar: Hier bedienen nur Frauen und sie werden auf ihre Beine reduziert. Viele Chilenen kommen hierher, um in der Mittagspause zu gaffen und einen „richtigen“ Kaffee zu genießen. Denn das ist der Clou: In den „Cafés con Piernas“ gab es schon immer echten Bohnenkaffee. Verrückt, welche Wege der Kaffee in Chile gehen muss, um gekauft zu werden. Wer sich in Santiago nicht so gut auskennt: Diese Cafés gibt es überall verstreut in der Innenstadt. Ihr erkennt sie einfach an den offenen Tresen, den vielen Spiegeln und dem Minikleid-Dresscode der Bediensteten. Bescheuert. Und skurril. Aber ja: Der Kaffee ist ganz ok.

Was tun, wenn du sicher gehen willst einen Espresso mit Milchschaum zu bekommen?

Das ist ein besonders großer Cortado

Lange – bis etwa 2010 war es für mich die sicherste Variante zu fragen: „Hay café cortado?“ Das ist ein kleiner Espresso mit ein wenig aufgeschäumter Milch. Keine italienische Barista-Kunst, aber da weisst du was du hast. In Santiago gibt es seit jeher Cafés, die Cortado anbieten, aber in den kleineren Städten musst du schon genauer suchen. – Am besten immer kurz die Kaffeemaschinen-Lage checken. Trotzdem hatte ich bei längeren Chileaufenthalten immer großes Heimweh nach gutem Kaffee: Nach einer großen Tasse mit viel Milchschaum und Espresso, der kein bisschen bitter ist.

Wie es die Ironie der Geschichte und die Liebe der Chilenen zu großen Marken so will, hat es ein anderer großer Platzhirsch schließlich geschafft, dass „gemütlich Kaffee trinken“ oder auch mal im Café arbeiten oder lernen IN geworden ist: Welcome to „Starbucks“. Große Sessel, fancy Getränke mit viel Zucker und so teuer, dass ich das Zeug in Chile fast als Luxusgut bezeichnen würde. 2003 ist die Kette nach Chile gekommen und inzwischen gibt es in Santiago an jeder Ecke eine Filiale. Vor allem in Providencia kannst du manchmal von einer Starbucks-Filiale zur nächsten spucken. Und die Dinger sind immer voll! Wahnsinn! Ich weiss nicht, ob es wirklich einen kausalen Zusammenhang zwischen der steigenden Nachfrage nach gemütlichen Kaffees und der Ausbreitung von Starbucks gibt (das könnte ich mal langfristig erforschen) – einen zeitlichen gibt es aber auf jeden Fall.

Der neue Espresso-Boom

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Ich war 2010 in Chile, 2013 und vor kurzem wieder, also 2016. Mit jedem Besuch fallen mir in den letzten Jahren in Santiago neue, kleine, gemütliche Cafés auf: Im Viertel Lastarria zum Beispiel ist es kein Problem einen Latte nach Barista-Art zu bekommen – auf Wunsch mit laktosefreier Milch. Im Barrio Italia reiht sich eine Galerie mit Shops und Cafés an die nächste. Auch in Valparaiso gibt es auf den berühmten Cerros Alegre und Concepción lauter kleine Cafés mit italienischer Kaffeemaschine und Wahnsinnsausblick über die Bucht. Das sind Cafés mit stylishen alten, zusammengewürfelten Möbeln in renovierten alten Gebäuden. – Oft mit Holzboden. Diese Häuser erzählen die Geschichte von Valparaiso und bei einem oder zwei Latte stelle ich mir die Geschichte des Raums vor, in dem ich gerade sitze: War es mal ein Schlafzimmer? Oder eine Küche? Oder einfach die Galerie, wo immer die Wäsche getrocknet worden ist? Das sind ganz aufregende Orte.

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Ich wünsche mir, dass dieser Trend zu richtigem, italienischem Barista-Kaffee keine kurze Welle ist. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht und dass die 10 verschiedenen Größen Nescafé im Supermarkt in Zukunft Kaffeebohnen in unterschiedlichen Röstungen weichen. Und dass es so auch in den Haushalten kleine Espressokocher gibt.

Kaffee- und Kuchenparadies Valparaiso

P.S. Ein Geständnis noch: Es ist – wie es immer ist mit Dingen, die dich an eine gute Zeit erinnern. Bis heute trinke ich nach jeder Ankunft in Santiago einen Nescafé bei meiner Gastfamilie. Denn der Geschmack erinnert mich an das Santiago, wie ich es in der Schul- und Unizeit kennengelernt habe. Und er zeigt so viel über die chilenische Kultur.

Tipps: Kaffee auf der ganzen Welt

Ohne meinen Kaffee keine Competition, keine schnellen Entscheidungen und kein freundliches „guten Morgen.“ Ja, ich bin süchtig nach Kaffee. Es muss allerdings Espresso sein, am liebsten mit aufgeschäumter Milch. – Es ist also eigentlich das, was man Latte Macchiato nennt. Filterkaffee kann ich wenig abgewinnen. Auf jeder Reise mache ich mich daher natürlich auch auf die Suche nach dem besten Kaffee. Aber nicht nur der Geschmack ist dabei wichtig, sondern auch der Ort, an dem er serviert wird. Heute stelle ich euch meine fünf liebsten Fundstücke vor.

1. The Shack – Raglan, Neuseeland

Von Raglan schwärme ich immer wieder: Mein Lieblingsort in Neuseeland und dort habe ich außergewöhnlichen Kaffee probieren dürfen. Im „The Shack“ sitzt man sehr hell, auf zusammengewürfelten Holzstühlen. An der Wand hängt – natürlich – ein altes Surfboard aus Holz. An der Theke kannst du dir zum Kaffee süßes Gebäck aussuchen und wenn du dich schlecht entscheiden kannst – so wie ich – hilft dir gern ein Mädchen von der Theke weiter. Der Latte im Barista-Style schmeckt fantastisch: Zart, gleichzeitig kraftvoll und kein bisschen bitter. Zum Glück bieten sie ihn auch in der großen Tasse an.

Der großartige Latte im „The Shack“

2. Bird Rock Coffee Roasters – San Diego, USA

Dieses kleine Café haben wir zufällig auf der Rückfahrt vom Strand „La Jolla“ entdeckt. Wir waren völlig ausgepowert vom Surfen als wir vom Auto aus ein großes offenes Fenster entdeckten. Der Fensterrahmen ist so gebaut, dass man fantastisch seinen Kaffee im Fenster sitzend, genießen kann. Innen stehen lauter fancy Kaffee-Maschinen herum: Da kommen auch diejenigen auf ihre Kosten, die ihren Kaffee lieber „cold brewed“ haben wollen. Über dessen Geschmack kann ich allerdings nichts sagen, denn für mich gab es wie immer einen Latte mit Blick auf die vorbeilaufenden Menschen. Auch hier ein Kaffeeerlebnis, das ich nie vergessen werde.

3. GODSHOT – Berlin Prenzlauer Berg

In Berlin waren wir zuletzt in großer Kaffee-Mission unterwegs. Nebenher haben wir auch noch viele Freunde getroffen. Das Gute ist: Kaffee probieren und Zeit mit Freunden verbringen, lässt sich fantastisch verbinden. Am besten hat mir der Kaffee im „Godshot“ in Prenzlauer Berg geschmeckt. Ein kleines Café mit orangen Hockern vor der Tür, auf denen man sehr gut sitzen und Zeitung lesen kann. Dazu gab es mindestens 3 Latte, die ich nur so verschlungen habe, weil sie so geschmeidig und doch kraftvoll geschmeckt haben.

Glücklich nach vielen Latte im Godshot, Berlin

4. Café Melba – Auckland, Neuseeland

Oh ja: Neuseeland hat mich nicht nur wegen der Natur, sondern auch wegen des Kaffees nachhaltig beeindruckt. Kurz nach unserer Ankunft haben wir in Auckland im Café Melba gefrühstückt. Es befindet sich in einer kleinen Seitenstraße in der Innenstadt, draussen stehen Tische mit Ausblick auf die Straße – ganz wie in Frankreich. Dazu Kaffee ganz von der Sorte: „Hierwürdichmichgernreinlegen“ Mega-lecker!

Das krasse in Neuseeland ist: Es scheint ganz normal zu sein, dass man Barista-Kaffee anbietet. Selbst an einer Landstraße im Nirgendwo auf dem Weg nach Wellington haben wir einen Geschmacksorgasmus bei einem solchen Latte haben dürfen. Auch wegen des Kaffees lohnt sich jede Reise nach Neuseeland sofort!

Der einfache mobile Stand des Barista Bono

5. Barista Bono – Markt Karlsruhe

Auf dem Markt auf dem Gutenbergplatz in Karlsruhe bildet sich samstags immer eine lange Schlange am Stand des „Barista Bono“. Er baut seinen Kaffee-Wagen immer neben einem Brunnen auf, es gibt zwei Stehtische und einen Pavillon gegen den Regen. Das wars schon. Und das reicht! Man kann zwischen zwei Mühlen mit unterschiedlichem Kaffee verschiedener Röstung wählen und dann genießt man den Kaffee unter freiem Himmel – wer mag mit einem französischen Croissant, denn gleich daneben steht immer der Wagen mit köstlichen Brötchen aus Frankreich. Das ist der perfekte Start ins Wochenende dort und ich gebe zu: Diesen Kaffee habe ich „zu Hause“ entdeckt.

So sieht mein Glück am Samstagvormittag in Karlsruhe aus